|
Hoffen auf Gäste: Soweto macht
die Betten frei für den Weltgipfel
In Soweto, dem Township vor
den Toren Johannesburgs, werden die Betten freigemacht. Rechtzeitig
zum Weltgipfel für nachhaltige Entwicklung investieren die
Ärmsten der Armen ihren letzten Cent, um bei der weltweit
bisher größten politischen Veranstaltung mit dabei
zu sein.
Von Ralf E. Krüger, dpa
Soweto (dpa) - «Ich habe
eigens für den Weltgipfel eine Pension eröffnet und
hoffe nun auf Nachhaltigkeit», sagt Mavis Mwelase, ohne
bei Johannesburgs neuem Modewort «Nachhaltigkeit»
ins Stottern zu kommen. Sie setzt darauf, dass wenigstens einige
der erwarteten 65.000 Besucher auch in Soweto übernachten
werden. Denn immerhin geht es bei dem Gipfel ja auch um Belange
der Armen und die Frage, wie ihnen nachhaltig zu helfen ist.
Mavis hat kurzerhand ihre Tochter
Lindi ausquartiert, um deren Haus als Pension herzurichten. «8000
Rand habe ich investiert - meine ganzen Ersparnisse», sagt
die 50-Jährige. Zwei Zimmer wurden liebevoll tapeziert, gestrichen
und mit dem besten Mobiliar ausgestattet. Selbst zwei Bäder
gibt es, die durchaus dem Standard europäischer Häuser
entsprechen.
Das Wohn- und Esszimmer mit dem
offenen Kamin wirkt bürgerlich und präsentiert bescheidenen
Wohlstand: TV und Stereoanlage in der Schrankwand, Topfblumen,
Kronleuchter, Nippes, schrill-buntes Abendmahl-Gemälde und
gehäkelte Deckchen erzeugen gemütliche Plüsch-Romantik.
Die Gitter vor den Fenstern sind zwar gewöhnungsbedürftig,
aber in Südafrika durchaus Standard.
So wie Mavis hoffen in Sowetos
aufkommender Mittelschicht viele Bewohner auf Gäste für
die etwa 30 bis 40 Pensionen, die Shebeens (Hauskneipen) und Restaurants.
Die von der südafrikanischen Regierung mit der Organisation
des Gipfels beauftragte Gesellschaft Jowsco hat versprochen, zahlende
Kundschaft zu besorgen und will auch die Preise festsetzen.
«Gehört habe ich bisher
aber noch nichts», sagt Mavis, der als erfolgreicher Geschäftsfrau
auch die Kneipe «Gertizan's Tavern» gehört. Sie
wirkt ein wenig ernüchtert, denn in weniger als drei Wochen
beginnt bereits die Mammut-Konferenz.
Die Organisatoren des auf 500
Millionen Rand (50 Mio Euro) veranschlagten Gipfels haben versprochen,
auch die ausgedehnten Armutsgebiete rund um Johannesburg am Geschehen
teilhaben zu lassen. Das zehn Jahre nach dem Umweltgipfel von
Rio de Janeiro stattfindende Treffen soll sich gerade vor Ort
als Musterbeispiel erweisen, wo Erste und Dritte Welt nur wenige
Kilometer auseinander liegen.
Von den Fenstern ihrer Luxushotels
in der relativ heilen Welt des reichen Vororts Sandton können
die Delegierten die Armutssiedlungen von Alexandra mit bloßem
Auge erkennen. Dort wurde eine aufwendige Begrünung des Problem-Townships
gerade öffentlich präsentiert.
In Soweto gab es Versprechen,
Investitionen und Aktionen. Die jüngste war ein kostenloses
Kwaito-Musikkonzert in der riesigen Schwarzensiedlung vor den
Toren Johannesburgs. Sie haben nicht nur das Bewusstsein für
den Gipfel geprägt, sondern auch Erwartungen geweckt.
Eine Gruppe von Geschäftsfrauen
um die Restaurantbesitzerin Fanny Makoena hat zusammen mit anderen
für Gipfelbesucher eine Soweto-Tour maßgeschneidert
und gibt Hilfestellung bei der Eröffnung von Pensionen. Sie
fürchten nun Enttäuschungen und Rückschläge:
«Die Erwartungen in Soweto sind einfach viel zu hoch»,
sagt Fanny Makoena.
|