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FAO-Gipfel in Rom: 800 Millionen Menschen
hungern
Über 800 Millionen Menschen
leiden weltweit an Unterernährung. Die Opfer haben meist
eines gemeinsam: Den Regierungen ihrer Länder fehlt oftmals
der echte Wille, dem Elend zu begegnen.
Von Peer Meinert, dpa
Rom (dpa) - Wie viele tausend
Menschen weltweit Tag für Tag sterben, weil sie nicht genug
zu essen haben, wagen die Experten in den UN-Organisationen nicht
zu beziffern. Verhungern ist ein stiller, ein unspektakulärer
Tod. Nur selten sind die Opfer zu Skeletten abgemagert; auf ihren
Sterbeurkunden steht auch nicht «Todesursache: Unterernährung».
Es sind banale Krankheiten Masern oder Durchfall, die normal Ernährten
kaum etwas anhaben, die chronisch Mangelernährte aber in
kurzer Zeit dahinraffen.
Über 800 Millionen Menschen
leiden weltweit an Unterernährung. Sie hungern im bettelarmen
Äthiopien, im «Boom-Land» China und im kriegszerrütteten
Afghanistan. Die Opfer haben eines gemeinsam: Den Regierungen
ihrer Länder fehlt oftmals der echte Wille, dem Elend zu
begegnen.
Mangelnder «politischer
Wille» ist denn eines der Stichworte bei der UN-Welternährungs-Konferenz
(10.-13. Juni) in Rom. Die Bilanz ist kläglich. Vor fünf
Jahren hatten die politischen Führer vollmundig beschlossen,
die Zahl der gut 800 Millionen Hungernden bis zum Jahr 2015 zu
halbieren. Heute muss Jacques Diouf, Generaldirektor der UN- Ernährungs-
und Landwirtschafts-Organisation (FAO) einräumen: «Alles
deutet darauf hin, dass es fast so viele Hungernde wie vor fünf
Jahren gibt.» Trotz aller Versprechen, Programme und Millionen
an Hungerhilfen.
Da ist etwa Indien. Im Land mit
der Atombombe und den begehrten Software-Experten hungern nach
wie vor 225 Millionen Menschen - mehr als in jedem anderen Land.
Ebenso schockierend ist das Beispiel der Demokratischen Volksrepublik
Kongo. Das frühere Zaire im Kongobecken ist derart fruchtbar,
dass Experten meinen, es könnte ganz Afrika ernähren.
Doch Bürgerkrieg und eine marode Führung haben die Landwirtschaft
verkommen lassen. Heute hungern dort 64 Prozent der Bevölkerung
- auch das ist «Weltrekord».
In zwei Drittel der 99 Entwicklungsländer,
belegt eine FAO-Studie, hungern heute mehr Menschen als vor fünf
Jahren. «Die Hauptverantwortung liegt bei den Regierungen
der Hungerländer», meint etwa FAO-Vizedirektor Hartmut
de Haen.
Das sind neue Töne: Noch
vor wenigen Jahren war es unter Experten üblich, bei Diskussionen
über das Elend zunächst mehr Hilfen der Reichen zu fordern
und auf die Rüstungsausgaben der USA hinzuweisen. Damit ist
es jetzt vorbei.
Unter Experten herrscht mittlerweile
Einigkeit, dass der Hunger vor allem dort grassiert, wo Regierungen
sich nicht oder nicht genügend um die ländliche Entwicklung
kümmern. Das gilt für Korruptions-Regierung in Kenia
ebenso wie für die irakische Diktatur von Saddam Hussein,
für das kommunistische Nordkorea oder das OPEC- Land Venezuela.
«Die Regierungen vieler
Entwicklungsländer messen der Ausrottung von Hunger und Unterernährung
nur geringe Priorität bei», urteilt etwa Per Pinstrup-Andersen
vom International Food Policy Research Institute in Washington.
«Viele Entwicklungsländer
stehen unter finanziellen Druck und müssen die Staatsausgaben
reduzieren.» Das geht allemal leichter bei den Bauern auf
dem Land als bei den Militärs oder den Bewohnern der städtischen
Slums - die könnten nämlich den Aufstand proben.
Vier Faktoren sind es nach Meinung
der Experten, die über den Erfolg an der Hungerfront entscheiden:
1. kein Krieg und Bürgerkrieg 2. Wirtschaftswachstum, das
größer ist als das Bevölkerungswachstum 4. Investitionen
in die ländliche Entwicklung 4. soziale Auffangnetze für
die Ärmsten der Armen.
Das sogar bettelarme Länder
nicht ohne Chancen sind, haben etwa Thailand, Ghana oder Peru
bewiesen. Entscheidend sei der «politische Wille»,
wie es bei der FAO heute heißt.
Allerdings: Auch die großen
Entwicklungs-Geber wie die USA und die Weltbank haben in den vergangenen
Jahren ihre Hilfen für die Landwirtschaft erheblich gekürzt.
Viel lieber fördern sie Vorzeigeprojekte wie Industrieprojekte
- mit zweifelhaftem Erfolg.
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