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- 07.06.2002 -

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

FAO-Gipfel in Rom: 800 Millionen Menschen hungern

Über 800 Millionen Menschen leiden weltweit an Unterernährung. Die Opfer haben meist eines gemeinsam: Den Regierungen ihrer Länder fehlt oftmals der echte Wille, dem Elend zu begegnen.

Von Peer Meinert, dpa

Rom (dpa) - Wie viele tausend Menschen weltweit Tag für Tag sterben, weil sie nicht genug zu essen haben, wagen die Experten in den UN-Organisationen nicht zu beziffern. Verhungern ist ein stiller, ein unspektakulärer Tod. Nur selten sind die Opfer zu Skeletten abgemagert; auf ihren Sterbeurkunden steht auch nicht «Todesursache: Unterernährung». Es sind banale Krankheiten Masern oder Durchfall, die normal Ernährten kaum etwas anhaben, die chronisch Mangelernährte aber in kurzer Zeit dahinraffen.

Über 800 Millionen Menschen leiden weltweit an Unterernährung. Sie hungern im bettelarmen Äthiopien, im «Boom-Land» China und im kriegszerrütteten Afghanistan. Die Opfer haben eines gemeinsam: Den Regierungen ihrer Länder fehlt oftmals der echte Wille, dem Elend zu begegnen.

Mangelnder «politischer Wille» ist denn eines der Stichworte bei der UN-Welternährungs-Konferenz (10.-13. Juni) in Rom. Die Bilanz ist kläglich. Vor fünf Jahren hatten die politischen Führer vollmundig beschlossen, die Zahl der gut 800 Millionen Hungernden bis zum Jahr 2015 zu halbieren. Heute muss Jacques Diouf, Generaldirektor der UN- Ernährungs- und Landwirtschafts-Organisation (FAO) einräumen: «Alles deutet darauf hin, dass es fast so viele Hungernde wie vor fünf Jahren gibt.» Trotz aller Versprechen, Programme und Millionen an Hungerhilfen.

Da ist etwa Indien. Im Land mit der Atombombe und den begehrten Software-Experten hungern nach wie vor 225 Millionen Menschen - mehr als in jedem anderen Land. Ebenso schockierend ist das Beispiel der Demokratischen Volksrepublik Kongo. Das frühere Zaire im Kongobecken ist derart fruchtbar, dass Experten meinen, es könnte ganz Afrika ernähren. Doch Bürgerkrieg und eine marode Führung haben die Landwirtschaft verkommen lassen. Heute hungern dort 64 Prozent der Bevölkerung - auch das ist «Weltrekord».

In zwei Drittel der 99 Entwicklungsländer, belegt eine FAO-Studie, hungern heute mehr Menschen als vor fünf Jahren. «Die Hauptverantwortung liegt bei den Regierungen der Hungerländer», meint etwa FAO-Vizedirektor Hartmut de Haen.

Das sind neue Töne: Noch vor wenigen Jahren war es unter Experten üblich, bei Diskussionen über das Elend zunächst mehr Hilfen der Reichen zu fordern und auf die Rüstungsausgaben der USA hinzuweisen. Damit ist es jetzt vorbei.

Unter Experten herrscht mittlerweile Einigkeit, dass der Hunger vor allem dort grassiert, wo Regierungen sich nicht oder nicht genügend um die ländliche Entwicklung kümmern. Das gilt für Korruptions-Regierung in Kenia ebenso wie für die irakische Diktatur von Saddam Hussein, für das kommunistische Nordkorea oder das OPEC- Land Venezuela.

«Die Regierungen vieler Entwicklungsländer messen der Ausrottung von Hunger und Unterernährung nur geringe Priorität bei», urteilt etwa Per Pinstrup-Andersen vom International Food Policy Research Institute in Washington.

«Viele Entwicklungsländer stehen unter finanziellen Druck und müssen die Staatsausgaben reduzieren.» Das geht allemal leichter bei den Bauern auf dem Land als bei den Militärs oder den Bewohnern der städtischen Slums - die könnten nämlich den Aufstand proben.

Vier Faktoren sind es nach Meinung der Experten, die über den Erfolg an der Hungerfront entscheiden: 1. kein Krieg und Bürgerkrieg 2. Wirtschaftswachstum, das größer ist als das Bevölkerungswachstum 4. Investitionen in die ländliche Entwicklung 4. soziale Auffangnetze für die Ärmsten der Armen.

Das sogar bettelarme Länder nicht ohne Chancen sind, haben etwa Thailand, Ghana oder Peru bewiesen. Entscheidend sei der «politische Wille», wie es bei der FAO heute heißt.

Allerdings: Auch die großen Entwicklungs-Geber wie die USA und die Weltbank haben in den vergangenen Jahren ihre Hilfen für die Landwirtschaft erheblich gekürzt. Viel lieber fördern sie Vorzeigeprojekte wie Industrieprojekte - mit zweifelhaftem Erfolg.


© dpa

Jacques Diouf, der Generaldirektor der FAO bei einer Pressekonferenz in Rom (Archivbild vom 03.09.2001)

 Mehr Informationen:

FAO: World Food Summit

World Food Programme

Deutsche Welthungerhilfe

Bundesministerium für Verbraucherschutz, Ernährung und Landwirtschaft: Policies against Hunger

vista verde: Entwicklung


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