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Futtermittel-Skandal: Behörde
wusste seit März von Nitrofen-Gefahr
Im bislang größten
Skandal der Öko-Branche haben staatliche Stellen schon vor
Monaten von verseuchten Bio-Produkten gewusst. Die Öffentlichkeit
wurde nicht informiert. Die Bundesregierung will mit einem Krisentreffen
einen massiven Vertrauensverlust der Verbraucher in Bio-Produkte
verhindern.
Berlin/Brüssel/Kulmbach (dpa)
- Die dem Verbraucherministerium in Berlin unterstellte Bundesanstalt
für Fleischforschung in Kulmbach wies Anfang März das
verbotene Unkrautvernichtungsmittel Nitrofen in Putenfleisch aus
Niedersachsen nach. Analysen ergaben nach Angaben der Bundesanstalt
das Zehnfache des zulässigen Nitrofen-Grenzwerts.
Das bestätigte Ministerin
Renate Künast (Grüne) am Montag. Die brisante Information
wurde nicht an das Ministerium weitergeleitet. Ein Ministeriumssprecher
in Berlin sagte auf Anfrage, die Behörde in Kulmbach sei
rechtlich nicht verpflichtet gewesen, die «brisante Information»
weiterzuleiten. «Es wäre aber zu erwarten gewesen.»
Über Konsequenzen sei noch nicht entschieden. Künast
sagte zu dem Vorgang: «Komisch ist das schon.» Der
Leiter der Bundesanstalt, Karl Honikel, sagte der dpa, man sei
von einem «lokalen Fall» ausgegangen. Daher habe man
das Ministerium nicht informiert.
Auch betroffene Bio-Betriebe informierten
die Öffentlichkeit monatelang nicht, obwohl sie Erkenntnisse
über Funde des Krebs erregenden Nitrofens in Futterweizen
für Geflügel hatten. Künast sprach am Rande des
EU-Agrarrates in Brüssel von «Vertuschung» im
ökologischen Landbau. Die Folgen für die Landwirtschaft
seien noch nicht absehbar.
Der Skandal führte unterdessen
zu einem heftigen Streit um die von Künast eingeleitete Agrarwende.
Auch aus der SPD wurde Künast hart angegriffen und zum Umdenken
aufgefordert.
In Niedersachsen wurde bekannt,
dass die Behörden bei einem Geflügel-Produzenten 230
Tonnen nitrofen-belastetes Fleisch beschlagnahmten. Es sollte
den Erkenntnissen zufolge nach Russland exportiert werden, teilte
die Staatsanwaltschaft in Oldenburg mit. Das Fleisch wurde am
Freitag beschlagnahmt.
Krisentreffen soll Vertrauensverlust
verhindern
Die Bundesregierung will mit einem
Krisentreffen einen massiven Vertrauensverlust in Bio-Produkte
verhindern. Das Ministerium berief für diesen Dienstag ein
Gespräch mit Öko-Verbänden ein. Dabei soll ans
Licht kommen, wo die Kontrollkette versagt hat. Künast sagte,
alle Behörden arbeiteten fieberhaft an der Aufklärung
des Skandals. Ihr Ministerium wurde nach eigener Darstellung erst
vergangene Woche durch einen vagen Hinweis über die Funde
informiert. Man sei sofort aktiv geworden.
Nach Vermutungen des Bundesinstituts
für gesundheitlichen Verbraucherschutz und Veterinärmedizin
(BgVV) sind keine größeren Nitrofen-Mengen über
Fleisch oder Eier direkt zum Verbraucher gelangt.
Die Biologische Bundesanstalt
für Land- und Forstwirtschaft geht davon aus, dass Öko-Landwirte
das EU-weit verbotene Nitrofen beim Weizenanbau tatsächlich
angewandt haben. Es sei auszuschließen, dass Jahrzehnte
alte Giftrückstände in den Feldern zu der Verseuchung
des Getreides geführt hätten. Bislang ist nicht eindeutig
geklärt, wie das Mittel in das Bio-Futter gelangte.
«Bio-Landwirtschaft hat
ihre Unschuld verloren»
Niedersachsens Agrarminister Uwe
Bartels (SPD) sagte: «Die Öko- und Bio-Landwirtschaft
hat ihre Unschuld verloren.» Nun zeige sich, dass «Künasts
einseitige Agrarpolitik zu Gunsten der Öko-Betriebe»
nicht gerechtfertigt sei. Dagegen wies das Künast-Ministerium
darauf hin, dass nur durch die strengen Kontrollen der Branche
das Nitrofen überhaupt entdeckt worden sei.
Erste Nachweise von Nitrofen-Rückstände
in Putenfleisch gab es nach Angaben des größten deutschen
Öko-Anbauverbands, Bioland, im Dezember. Das niedersächsische
Agrarministerium ging am Wochenende davon aus, dass Fleisch und
Eier von betroffenem Geflügel in den Handel gelangt sind
und verzehrt wurden. Laut Öko-Verband Naturland, der die
Lebensmittel zertifiziert, trifft das zumindest auf möglicherweise
belastete Eier zu.
In Niedersachsen sitzt das Öko-Unternehmen,
das das Futtermittel in ganz Deutschland vertrieben hat. Zunächst
hieß es, der verseuchte Weizen stamme wahrscheinlich aus
Brandenburg. Bei dem in Verdacht geratenen Ökobetrieb in
der Uckermark hat sich nach Auskunft eines unabhängigen Berliner
Prüfinstituts allerdings kein Hinweis auf verseuchtes Futtergetreide
ergeben.
Auch etliche andere Bundesländer
leiteten Überprüfungen ein. In Nordrhein-Westfalen,
Niedersachsen und Sachsen-Anhalt wurden Öko-Betriebe für
den Handel gesperrt.
Verbraucherinformationsgesetz
am Freitag im Bundesrat
Die Union warf Künast Versagen
vor. Die FDP erklärte, Bundeskanzler Gerhard Schröder
(SPD) selbst habe die Agrarwende gefordert «und eine einseitige
Ausrichtung auf den Öko-Landbau provoziert». Die Grünen
sicherten der Ministerin bei der Fortsetzung der Agrarwende ihre
Unterstützung zu.
Die Grünen, das Künast-Ministerium
und die Verbraucherzentralen appellierten an die Union, vor dem
Hintergrund des Skandals das Verbraucherinformationsgesetz an
diesem Freitag im Bundesrat nicht wie angekündigt zu blockieren.
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