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- 27.05.2002 -

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Futtermittel-Skandal: Behörde wusste seit März von Nitrofen-Gefahr

Im bislang größten Skandal der Öko-Branche haben staatliche Stellen schon vor Monaten von verseuchten Bio-Produkten gewusst. Die Öffentlichkeit wurde nicht informiert. Die Bundesregierung will mit einem Krisentreffen einen massiven Vertrauensverlust der Verbraucher in Bio-Produkte verhindern.

Berlin/Brüssel/Kulmbach (dpa) - Die dem Verbraucherministerium in Berlin unterstellte Bundesanstalt für Fleischforschung in Kulmbach wies Anfang März das verbotene Unkrautvernichtungsmittel Nitrofen in Putenfleisch aus Niedersachsen nach. Analysen ergaben nach Angaben der Bundesanstalt das Zehnfache des zulässigen Nitrofen-Grenzwerts.

Das bestätigte Ministerin Renate Künast (Grüne) am Montag. Die brisante Information wurde nicht an das Ministerium weitergeleitet. Ein Ministeriumssprecher in Berlin sagte auf Anfrage, die Behörde in Kulmbach sei rechtlich nicht verpflichtet gewesen, die «brisante Information» weiterzuleiten. «Es wäre aber zu erwarten gewesen.» Über Konsequenzen sei noch nicht entschieden. Künast sagte zu dem Vorgang: «Komisch ist das schon.» Der Leiter der Bundesanstalt, Karl Honikel, sagte der dpa, man sei von einem «lokalen Fall» ausgegangen. Daher habe man das Ministerium nicht informiert.

Auch betroffene Bio-Betriebe informierten die Öffentlichkeit monatelang nicht, obwohl sie Erkenntnisse über Funde des Krebs erregenden Nitrofens in Futterweizen für Geflügel hatten. Künast sprach am Rande des EU-Agrarrates in Brüssel von «Vertuschung» im ökologischen Landbau. Die Folgen für die Landwirtschaft seien noch nicht absehbar.

Der Skandal führte unterdessen zu einem heftigen Streit um die von Künast eingeleitete Agrarwende. Auch aus der SPD wurde Künast hart angegriffen und zum Umdenken aufgefordert.

In Niedersachsen wurde bekannt, dass die Behörden bei einem Geflügel-Produzenten 230 Tonnen nitrofen-belastetes Fleisch beschlagnahmten. Es sollte den Erkenntnissen zufolge nach Russland exportiert werden, teilte die Staatsanwaltschaft in Oldenburg mit. Das Fleisch wurde am Freitag beschlagnahmt.

Krisentreffen soll Vertrauensverlust verhindern

Die Bundesregierung will mit einem Krisentreffen einen massiven Vertrauensverlust in Bio-Produkte verhindern. Das Ministerium berief für diesen Dienstag ein Gespräch mit Öko-Verbänden ein. Dabei soll ans Licht kommen, wo die Kontrollkette versagt hat. Künast sagte, alle Behörden arbeiteten fieberhaft an der Aufklärung des Skandals. Ihr Ministerium wurde nach eigener Darstellung erst vergangene Woche durch einen vagen Hinweis über die Funde informiert. Man sei sofort aktiv geworden.

Nach Vermutungen des Bundesinstituts für gesundheitlichen Verbraucherschutz und Veterinärmedizin (BgVV) sind keine größeren Nitrofen-Mengen über Fleisch oder Eier direkt zum Verbraucher gelangt.

Die Biologische Bundesanstalt für Land- und Forstwirtschaft geht davon aus, dass Öko-Landwirte das EU-weit verbotene Nitrofen beim Weizenanbau tatsächlich angewandt haben. Es sei auszuschließen, dass Jahrzehnte alte Giftrückstände in den Feldern zu der Verseuchung des Getreides geführt hätten. Bislang ist nicht eindeutig geklärt, wie das Mittel in das Bio-Futter gelangte.

«Bio-Landwirtschaft hat ihre Unschuld verloren»

Niedersachsens Agrarminister Uwe Bartels (SPD) sagte: «Die Öko- und Bio-Landwirtschaft hat ihre Unschuld verloren.» Nun zeige sich, dass «Künasts einseitige Agrarpolitik zu Gunsten der Öko-Betriebe» nicht gerechtfertigt sei. Dagegen wies das Künast-Ministerium darauf hin, dass nur durch die strengen Kontrollen der Branche das Nitrofen überhaupt entdeckt worden sei.

Erste Nachweise von Nitrofen-Rückstände in Putenfleisch gab es nach Angaben des größten deutschen Öko-Anbauverbands, Bioland, im Dezember. Das niedersächsische Agrarministerium ging am Wochenende davon aus, dass Fleisch und Eier von betroffenem Geflügel in den Handel gelangt sind und verzehrt wurden. Laut Öko-Verband Naturland, der die Lebensmittel zertifiziert, trifft das zumindest auf möglicherweise belastete Eier zu.

In Niedersachsen sitzt das Öko-Unternehmen, das das Futtermittel in ganz Deutschland vertrieben hat. Zunächst hieß es, der verseuchte Weizen stamme wahrscheinlich aus Brandenburg. Bei dem in Verdacht geratenen Ökobetrieb in der Uckermark hat sich nach Auskunft eines unabhängigen Berliner Prüfinstituts allerdings kein Hinweis auf verseuchtes Futtergetreide ergeben.

Auch etliche andere Bundesländer leiteten Überprüfungen ein. In Nordrhein-Westfalen, Niedersachsen und Sachsen-Anhalt wurden Öko-Betriebe für den Handel gesperrt.

Verbraucherinformationsgesetz am Freitag im Bundesrat

Die Union warf Künast Versagen vor. Die FDP erklärte, Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) selbst habe die Agrarwende gefordert «und eine einseitige Ausrichtung auf den Öko-Landbau provoziert». Die Grünen sicherten der Ministerin bei der Fortsetzung der Agrarwende ihre Unterstützung zu.

Die Grünen, das Künast-Ministerium und die Verbraucherzentralen appellierten an die Union, vor dem Hintergrund des Skandals das Verbraucherinformationsgesetz an diesem Freitag im Bundesrat nicht wie angekündigt zu blockieren.

 

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Verbraucherministerium

Naturland

BgVV

vista verde: Landwirtschaft

 

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