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Nachhaltigkeit hat Hochkonjunktur -
und ist doch weithin unbekannt
Die Nachhaltigkeit ist in Berlin
zur Zeit in aller Munde. Trotzdem verbinden nur wenige Menschen
in Deutschland überhaupt etwas mit dem Begriff.
Von Can Merey, dpa
Berlin (dpa) - Der Begriff ist
sperrig wie ein gefällter Baum: Die Nachhaltigkeit, eigentlich
ein Wort aus der Forstwirtschaft, hat in der Hauptstadt inzwischen
Hochkonjunktur. Niemals zuvor wurde im politischen Berlin so viel
über das Thema geredet wie in dieser Woche.
Am Donnerstag wird erstmals ein
Bundeskanzler eine Regierungserklärung dazu abgeben: Gerhard
Schröder (SPD) spricht gut drei Monate vor dem Weltgipfel
in Johannesburg im Bundestag zur nationalen Nachhaltigkeitsstrategie.
Trotzdem verbinden nur wenige Menschen in Deutschland überhaupt
etwas mit dem Begriff.
Ein Bewirtschaftungsprinzip,
das dadurch gekennzeichnet ist, nicht mehr Bäume zu fällen
als jeweils nachwachsen, so wird Nachhaltigkeit im Lexikon definiert.
Inzwischen wird das Prinzip - übertragen vom Wald auf weltweite
Probleme - als Formel gegen Armut, Umweltzerstörung und ungebremste
Globalisierung gepriesen. Die in rund 100 Tagen beginnende UN-Konferenz
in Johannesburg nennt sich denn auch Weltgipfel für nachhaltige
Entwicklung.
Bislang hat noch niemand im Deutschen
eine griffigere Etikette für das eigentlich nichts sagende
Modewort gefunden. Globale Bedeutung erhielt der Begriff 1987
durch den Bericht einer UN-Kommission unter der damaligen norwegischen
Ministerpräsidentin Gro Harlem Brundtland.
Die Grundaussage damals wie heute:
Die Wirtschafts- und Lebensweise muss im magischen Dreieck zwischen
Ökologie, Ökonomie und Sozialem so geführt werden,
dass auch künftige Generationen noch eine Chance haben, auf
dieser Welt gut zu leben.
Vor zehn Jahren wurde Nachhaltigkeit
bei der Johannesburg- Vorgängerkonferenz, dem Weltgipfel
in Rio, quasi zur internationalen Maxime für die Lösung
der dringenden Menschheitsprobleme ausgerufen. Doch auch acht
Jahre nach Rio gaben in einer Studie des Umweltbundesamtes im
Jahr 2000 nur 13 Prozent der Deutschen an, den Begriff überhaupt
schon mal gehört zu haben - das waren sogar noch weniger
als in der Untersuchung zwei Jahre zuvor.
Dabei gab es zu den Inhalten,
die hinter dem Begriff stehen, breite Zustimmung: 77 Prozent der
Befragten traten für einen fairen Handel zwischen reichen
und armen Ländern ein. 83 Prozent sprachen sich dafür
aus, nicht mehr Ressourcen zu verbrauchen, als nachwachsen können.
Neun von zehn Befragten befürworteten das Prinzip ökologischer
Generationen-Gerechtigkeit - die Umwelt sollte nicht auf Kosten
späterer Generationen ausgebeutet werden.
Kaum jemand stimme nicht mit
der Idee der nachhaltigen Entwicklung überein, sagte EU-Kommissionspräsident
Romano Prodi vor knapp einem Jahr in einer Rede vor dem Europäischen
Parlament. Zugleich beklagte er aber: «Selten bietet ein
politisches Konzept so viel für so viele, und wird von so
wenigen in seinem Wert geschätzt.»
Die Bundesregierung versucht
nun, mit der nationalen Nachhaltigkeitsstrategie als deutschem
Beitrag für Johannesburg zu punkten. Doch ob es ihr gelingt,
das Thema zum populären rot-grünen Markenzeichen auszubauen,
ist längst nicht sicher.
Denn die Strategie ist schwierig
zu vermitteln, umfasst sie doch Themen von Klimaschutz bis zu
Wohnungseinbrüchen, von Güterverkehr bis zu Entwicklungshilfe,
von Finanzen bis zu Luftqualität. Die FDP wirft der Regierung
vor, das Chaos damit perfekt zu machen: «Das ist der sicherste
Weg, dafür zu sorgen, dass niemand weiß, was Nachhaltigkeit
ist.»
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