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- 13.05.2002 -

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Globalisierung: Rau prangert Ungleichheit an

Bundespräsident Johannes Rau hat die wachsende soziale Ungleichheit angeprangert und zugleich eine politische Gestaltung der Globalisierung gefordert.

Berlin (dpa) - «Wir brauchen auch in Deutschland eine Diskussion darüber, wie viel soziale Ungleichheit wir hinnehmen können im eigenen Land und weltweit. Das hat übrigens nichts mit einer Neiddiskussion zu tun», sagte Rau am Montag in seiner dritten «Berliner Rede» zu den Chancen und Risiken der Globalisierung.

In den vergangenen Jahren habe sich vieles zum Besseren verändert. Dennoch seien die Unterschiede zwischen den Lebensbedingungen der Menschen immer größer geworden. Eine Milliarde Menschen habe keinen Zugang zu sauberem Trinkwasser. In Schwellenländern wie etwa in Argentinien drohe der Mittelstand zu verarmen. In den USA verdiene ein Manager 475 Mal so viel wie ein Industriearbeiter. «Wir sollten in Deutschland einen anderen Weg gehen», sagte Rau unter dem Beifall der Gäste im Museum für Kommunikation in Berlin.

Die Globalisierung müsse als politische Aufgabe ernst genommen werden, um sie als Chance zu nutzen. In Deutschland müssten das Bildungssystem verbessert, die Sozialsysteme gestärkt und die öffentliche Verwaltung leistungsfähiger und bürgernäher werden. Auch das Steuersystem müsse einfacher und gerechter werden. «Moderne Steuerpolitik darf nicht zum Steuersenkungswettlauf werden - weder zwischen Parteien noch zwischen Staaten», sagte Rau.

Der Bundespräsident kritisierte die Schwarzmalerei in Deutschland. Über Probleme und Mängel, über Schwächen und Versäumnisse müsse man offen sprechen. «Ich bin aber immer wieder darüber erstaunt, mit welcher Lust und welcher Energie wir unser Land schlecht reden und unsere Zukunft schwarz malen.» Deutschland sei die zweitgrößte Exportnation der Welt. «Die Geschichte seit Kriegsende und nach der staatlichen Einheit zeigt: Wir können stolz sein auf das Erreichte.»

Rau wehrte sich dagegen, die globale Entwicklung allein den Marktkräften zu überlassen und zeigte Verständnis für die Kritiker. «Die Globalisierung ist kein Naturereignis. Sie ist von Menschen gewollt und gemacht.» Menschen könnten sie gestalten und in gute Bahnen lenken. Eine sozial gerechte Globalisierung müsse auf die Bedürfnisse der Menschen Rücksicht nehmen.

«Menschen sind nicht so mobil und nicht so bindungslos wie Kapital, und sie werden und wollen es auch nie sein.» Menschen bräuchten Heimat und Bodenhaftung. «Wer das für altmodisch hält, der täuscht sich. Die Politik muss Ängste und Unsicherheiten ernst nehmen.»

Rau setzte sich kritisch mit den Folgen der Globalisierung auseinander. «Bisher droht die Globalisierung den Globus zu zerstückeln.» Man könne den Markt niemals allein von Seiten der Gewinner beurteilen. «Eine Politik der Freiheit wird nur dann auch wirtschaftlich überzeugen, wenn sie Menschen befreit von Ausbeutung, aus Armut und Überschuldung, wenn sie für gleiche Chancen sorgt.» In den ärmsten Staaten lebten heute 40 Prozent aller Menschen, ihr Anteil am Welthandel liege aber unter 3 Prozent.

Viele Menschen fühlten sich als Verlierer. Ihre Kultur, ihre Überlieferung würden nicht respektiert. Wer sich heimatlos fühle, werde leichter zum Opfer fundamentalistischer oder populistischer Parolen. «Eine Globalisierung, die Menschen überfordert, schadet letztlich unseren Gesellschaften», sagte Rau.

Rau mahnte die reichen Industrieländer, ihre Märkte für die Entwicklungsländer zu öffnen. Das Schuldenproblem sei viel zu lange nicht als strukturelles Problem verstanden worden. «Wir brauchen eine Insolvenzordnung für Staaten.» Dabei sollte der Grundsatz gelten, die Geschädigten zu unterstützten und den Gestrauchelten wieder aufzuhelfen.

Heftig kritisierte Rau die globale Spekulation, die ganze Länder ruinieren könne. Die Politik müsse dringend Instrumente für eine internationale Finanzmarktordnung schaffen.


© dpa

Bundespräsident Johannes Rau setzte sich in seiner dritten «Berliner Rede» im Museum für Kommunikation in Berlin kritisch mit den Folgen der Globalisierung auseinander.


 Mehr Informationen:

Die «Berliner Rede» des Bundespräsidenten

vista verde: Globalisierung


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