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- 27.02.2002 -

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Verbände für Stilllegung: Schwerer Schaden im AKW Brunsbüttel

Der bei einem Störfall im Atomkraftwerk Brunsbüttel im Dezember entstandene Schaden ist sehr viel größer als zunächst angenommen. Das Umweltministerium zog wegen der sehr spät gemeldeten Panne die Zuverlässigkeit des Betreibers HEW in Zweifel. Umweltschützer forderten die Stilllegung des AKW.

Berlin/Hamburg (dpa) - Die Schwere des Störfalls geht aus einem Bericht hervor, den das Bundesumweltministerium (BMU) am Mittwoch im Umweltausschuss des Bundestages vorlegte. Zu einem «größten anzunehmenden Unfall» (GAU) hätte der Störfall jedoch nicht führen können, erläuterten der Betreiber und die zuständigen Behörden im Ausschuss. Im schlimmsten Fall hätte die Decke des Kühlwasserturms bei einer Notabschaltung nicht gekühlt werden können.

Das BMU äußerte wegen der Behandlung des Falles Zweifel an der Zuverlässigkeit des Betreibers, der Hamburgischen Electricitäts-Werke (HEW). Umweltverbände verlangten die Schließung des schleswig-holsteinischen Atomkraftwerks und die Untersuchung von fünf AKW gleichen Typs. Für Greenpeace bestätigt der Bericht, «dass wir nur knapp an einem schweren Unfall vorbeigeschlittert sind».

HEW-Sprecher Mario Spitzmüller wies die Vorwürfe zurück. Das
Unternehmen habe «unter strikter Einhaltung der Betriebsvorschriften und unter Wahrung der gegebenen Fristen» reagiert. Das Kieler Energieministerium sei von Anfang an über die Analyse des Schadens informiert gewesen. Im Dezember hätten die HEW eingeschätzt, dass die Größe des Schadens den Weiterbetrieb der Anlage nicht in Frage stellte. Am 18. Februar habe man sich entschlossen, das Kraftwerk zu einer Sonderinspektion herunterzufahren. «Dabei stellte sich der
Schaden umfangreicher dar als zuvor angenommen», sagte Spitzmüller.

Im AKW Brunsbüttel war am 14. Dezember im Sicherheitsbehälter Dampf freigesetzt worden. Menschen kamen nicht zu Schaden, auch wurde keine radioaktive Strahlung gemessen. Das Personal sperrte den Bereich mit einer fernbedienbaren Armatur ab und hielt das Problem laut BMU-Bericht damit für beseitigt.

Die drei Tage später informierte Aufsichtsbehörde in Schleswig-Holstein habe sich damit nicht zufrieden gegeben. Aber erst nach längerem Sträuben sei die HEW am 18. Februar bereit gewesen, eine Inspektion zu ermöglichen. Das Unternehmen habe damit bis zum regulären Termin im Mai warten wollen.

Die Untersuchung zeigte laut BMU, dass eine Rohrleitung mit zehn Zentimetern Durchmesser, die Teil des Reaktordruckbehälter- Sprühsystems sei, «über eine Länge von zwei bis drei Metern völlig zerborsten war». Etwa 25 Trümmerstücke hätten im Umkreis der beiden Bruchstellen gelegen.

Als Ursache nehme der Betreiber derzeit eine Wasserstoffexplosion im Innern des Rohrs an. Eine solche Explosion hatte er auf Grund früherer Analysen und Modellrechnungen ausgeschlossen.

Das Ministerium macht geltend, schlimmere Folgen hätten eintreten können, wenn das Rohr an anderer Stelle - nämlich drei bis vier Meter weiter in Richtung Reaktordruckbehälter - geborsten wäre. Dies hätte zu einem Kühlmittelverlust geführt und die Notkühlung hätte einsetzen müssen. Allerdings müsste nach Ansicht des Ministeriums auch ein solcher Vorfall beherrschbar sein.

Das BMU kritisiert, die HEW hätten nach der Störfallmeldung nur «die harmloseste Variante unterstellt». Bevor der Reaktor wieder in Betrieb genommen wird, verlangt das Ministerium Maßnahmen, die eine Wiederholung des Störfalls auch in anderen sicherheitstechnisch wichtigen Bereichen «mit hinreichender Sicherheit ausschließen».

Der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) warf den HEW vor, sie hätten die Schwere des Vorfalls über Monate vertuscht und «die Bevölkerung auf eine unverantwortliche Weise gefährdet». Die Erlaubnis zum Betrieb von Atomanlagen müsse entzogen werden.

Nach Ansicht des BMU wirft der Vorfall in Brunsbüttel «sehr komplexe Sicherheitsfragen auf». Sie seien zum Teil in dieser Form neu, auch wenn weltweit schon verschiedentlich Wasserstoffexplosionen aufgetreten seien. Deswegen habe die Aufsichtsbehörde in Schleswig- Holstein vom Betreiber umfangreiche Untersuchungen und Bewertungen verlangt.

Die Bundesaufsicht werde dafür sorgen, dass die mögliche Entstehung von Wasserstoff in den übrigen Siedewassereraktoren in Deutschland nicht zu ähnlichen Schadensfällen führt. Dies sind die Reaktoren Gundremmingen I und II, Philippsburg I, Krümmel und Isar I. Greenpeace verlangte, dass diese Reaktoren zur Überprüfung der Explosionsgefahr bis auf weiteres vom Netz genommen werden.

 Mehr Informationen:

BMU

HEW

BUND

Greenpeace

 

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