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Verbände für Stilllegung: Schwerer
Schaden im AKW Brunsbüttel
Der bei einem Störfall
im Atomkraftwerk Brunsbüttel im Dezember entstandene Schaden
ist sehr viel größer als zunächst angenommen.
Das Umweltministerium zog wegen der sehr spät gemeldeten
Panne die Zuverlässigkeit des Betreibers HEW in Zweifel.
Umweltschützer forderten die Stilllegung des AKW.
Berlin/Hamburg (dpa) - Die Schwere
des Störfalls geht aus einem Bericht hervor, den das Bundesumweltministerium
(BMU) am Mittwoch im Umweltausschuss des Bundestages vorlegte.
Zu einem «größten anzunehmenden Unfall»
(GAU) hätte der Störfall jedoch nicht führen können,
erläuterten der Betreiber und die zuständigen Behörden
im Ausschuss. Im schlimmsten Fall hätte die Decke des Kühlwasserturms
bei einer Notabschaltung nicht gekühlt werden können.
Das BMU äußerte wegen
der Behandlung des Falles Zweifel an der Zuverlässigkeit
des Betreibers, der Hamburgischen Electricitäts-Werke (HEW).
Umweltverbände verlangten die Schließung des schleswig-holsteinischen
Atomkraftwerks und die Untersuchung von fünf AKW gleichen
Typs. Für Greenpeace bestätigt der Bericht, «dass
wir nur knapp an einem schweren Unfall vorbeigeschlittert sind».
HEW-Sprecher Mario Spitzmüller
wies die Vorwürfe zurück. Das
Unternehmen habe «unter strikter Einhaltung der Betriebsvorschriften
und unter Wahrung der gegebenen Fristen» reagiert. Das Kieler
Energieministerium sei von Anfang an über die Analyse des
Schadens informiert gewesen. Im Dezember hätten die HEW eingeschätzt,
dass die Größe des Schadens den Weiterbetrieb der Anlage
nicht in Frage stellte. Am 18. Februar habe man sich entschlossen,
das Kraftwerk zu einer Sonderinspektion herunterzufahren. «Dabei
stellte sich der
Schaden umfangreicher dar als zuvor angenommen», sagte Spitzmüller.
Im AKW Brunsbüttel war am
14. Dezember im Sicherheitsbehälter Dampf freigesetzt worden.
Menschen kamen nicht zu Schaden, auch wurde keine radioaktive
Strahlung gemessen. Das Personal sperrte den Bereich mit einer
fernbedienbaren Armatur ab und hielt das Problem laut BMU-Bericht
damit für beseitigt.
Die drei Tage später informierte
Aufsichtsbehörde in Schleswig-Holstein habe sich damit nicht
zufrieden gegeben. Aber erst nach längerem Sträuben
sei die HEW am 18. Februar bereit gewesen, eine Inspektion zu
ermöglichen. Das Unternehmen habe damit bis zum regulären
Termin im Mai warten wollen.
Die Untersuchung zeigte laut
BMU, dass eine Rohrleitung mit zehn Zentimetern Durchmesser, die
Teil des Reaktordruckbehälter- Sprühsystems sei, «über
eine Länge von zwei bis drei Metern völlig zerborsten
war». Etwa 25 Trümmerstücke hätten im Umkreis
der beiden Bruchstellen gelegen.
Als Ursache nehme der Betreiber
derzeit eine Wasserstoffexplosion im Innern des Rohrs an. Eine
solche Explosion hatte er auf Grund früherer Analysen und
Modellrechnungen ausgeschlossen.
Das Ministerium macht geltend,
schlimmere Folgen hätten eintreten können, wenn das
Rohr an anderer Stelle - nämlich drei bis vier Meter weiter
in Richtung Reaktordruckbehälter - geborsten wäre. Dies
hätte zu einem Kühlmittelverlust geführt und die
Notkühlung hätte einsetzen müssen. Allerdings müsste
nach Ansicht des Ministeriums auch ein solcher Vorfall beherrschbar
sein.
Das BMU kritisiert, die HEW hätten
nach der Störfallmeldung nur «die harmloseste Variante
unterstellt». Bevor der Reaktor wieder in Betrieb genommen
wird, verlangt das Ministerium Maßnahmen, die eine Wiederholung
des Störfalls auch in anderen sicherheitstechnisch wichtigen
Bereichen «mit hinreichender Sicherheit ausschließen».
Der Bund für Umwelt und
Naturschutz Deutschland (BUND) warf den HEW vor, sie hätten
die Schwere des Vorfalls über Monate vertuscht und «die
Bevölkerung auf eine unverantwortliche Weise gefährdet».
Die Erlaubnis zum Betrieb von Atomanlagen müsse entzogen
werden.
Nach Ansicht des BMU wirft der
Vorfall in Brunsbüttel «sehr komplexe Sicherheitsfragen
auf». Sie seien zum Teil in dieser Form neu, auch wenn weltweit
schon verschiedentlich Wasserstoffexplosionen aufgetreten seien.
Deswegen habe die Aufsichtsbehörde in Schleswig- Holstein
vom Betreiber umfangreiche Untersuchungen und Bewertungen verlangt.
Die Bundesaufsicht werde dafür
sorgen, dass die mögliche Entstehung von Wasserstoff in den
übrigen Siedewassereraktoren in Deutschland nicht zu ähnlichen
Schadensfällen führt. Dies sind die Reaktoren Gundremmingen
I und II, Philippsburg I, Krümmel und Isar I. Greenpeace
verlangte, dass diese Reaktoren zur Überprüfung der
Explosionsgefahr bis auf weiteres vom Netz genommen werden.
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