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- 22.01.2002 -

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Temelin: Regierungskrise in Wien nach erfolgreichem Volksbegehren

Nach der Sammlung von rund 915.000 Unterschriften gegen das umstrittene tschechische Atomkraftwerk Temelin hat die regierende Freiheitliche Partei Österreichs (FPÖ) mit Neuwahlen gedroht.

Wien (dpa) - Die FPÖ fürchte sich «nach dem großen Erfolg des Anti-Temelin-Volksbegehrens keinesfalls vor Neuwahlen», sondern nehme «diese Herausforderung selbstverständlich» an, hieß es in einer am Dienstagabend veröffentlichten gemein- samen Erklärung von Parteichefin Susanne Ries-Passer, ihrem Vorgänger Jörg Haider und Fraktionsvorsitzenden Peter Westenthaler.

Sie forderten Bundeskanzler Wolfgang Schüssel vom konser- vativen Koalitionspartner Österreichische Volkspartei (ÖVP) ultimativ auf, klarzustellen, «ob die ÖVP tatsächlich die Koalition beenden will und damit Neuwahlen anstrebt». Von Schüssel gab es zunächst keine Stellungnahme.

Die rechtspopulistische FPÖ will mit dem von ihr initiierten Volksbegehren erzwingen, dass Wien den EU-Beitritt Tschechiens verhindert, solange Temelin in Betrieb ist. Die Volkspartei von Bundeskanzler Schüssel lehnt aber ein solches Veto ab. Die am späten Montagabend abgeschlossene Temelin-Abstimmung erzielte unter allen bisherigen österreichischen Volksbegehren die drittgrößte Zahl von Unterschriften.

Die FPÖ lasse sich nicht unter Druck setzen, hieß es in der Erklärung weiter. «Wenn Schüssel das Ende der Koalition will, kann er es haben.» Nach der gemeinsamen Regierungssitzung am Mittag hatte sich die FPÖ zwar zufrieden mit dem Ergebnis gezeigt, von Neuwahlen war dabei aber noch keine Rede gewesen. Die FPÖ fühlte sich in ihrem Ziel bestärkt, den EU-Beitritt Tschechiens zu blockieren, sollte Temelin nicht abgeschaltet werden.

«Wir stehen gegen jede Form der Veto-Politik», widersprach Schüssel. Andere ÖVP-Politiker bedauerten, dass viele Öste- rreicher mit ihrer Unterschrift «in die Veto-Falle getappt» seien.

Die tschechische Regierung zeigte sich von der Abstimmung im Nachbarland unbeeindruckt. Sie sei nicht zu weiteren Verhand- lungen über Temelin bereit, sagte ein Regierungssprecher in Prag. «Der FPÖ geht es nicht um die Sicherheit von Temelin. Diese Petition zielt in eine völlig andere Richtung: gegen die Aufnahme unseres Landes in die EU und gegen die Erweiterung überhaupt», ergänzte Außenminister Jan Kavan.

Tschechien dürfe trotz des Streits um Temelin auf keinen Fall der EU-Beitritt verwehrt werden, betonte Bundesumweltminister Jürgen Trittin in Berlin. Die Bundesregierung halte eine Stilllegung von Temelin für das Beste. «Gerade weil wir dieser Auffassung sind, halten wir es für absolut kontraproduktiv, wenn die Tschechische Republik von der Europäischen Union fern gehalten wird», sagte Trittin in einem dpa-Gespräch.

EU-Erweiterungskommissar Günter Verheugen machte in Brüssel deutlich, dass die EU-Beitrittsverhandlungen mit Tschechien ungeachtet des österreichischen Volksbegehrens planmäßig fortgeführt würden.

Die tschechische Sektion der Umweltschutzorganisation Green- peace bezeichnete das Volksbegehren als kontraproduktiv. «Die Aktion war eine bloße innenpolitische Geste der FPÖ, mit der man nichts erreicht, wenn man Tschechien außerhalb der EU hält», sagte Sprecher Jan Haverkamp in Prag.

Obwohl das Volksbegehren von der FPÖ initiiert wurde, hätten auch Anhänger anderer Parteien unterschrieben, berichtete der Politologe Fritz Plasser in Wien. Die FPÖ-Parteigänger hätten rund 40 Prozent der Unterschriften beigesteuert. Alle anderen Parteien hatten das Volksbegehren als europafeindlich bekämpft.

Da das Volksbegehren mehr als 100.000 Stimmen erreichte, muss es innerhalb von fünf Monaten im Nationalrat (Parlament) behandelt werden. Die Abgeordneten sind jedoch dabei an keinerlei Vorgaben gebunden und können das Thema auch zu den Akten legen.


© dpa

Tschechien dürfe trotz des Streits um Temelin auf keinen Fall der EU-Beitritt verwehrt werden, betonte Umweltminister Trittin.

 

 Mehr Informationen:

FPÖ

ÖVP

BMU

GLOBAL 2000: Was das FPÖ-Volksbegehren wirklich bringt

 

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Anti-Temelin-Volksbegehren:
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