Braunbären: Fortpflanzung mit List und Tücke
Weibliche Braunbären paaren sich mit vielen
Partnern - als Teil einer ausgeklügelten Strategie zum Schutz
des zukünftigen Nachwuchses.
(vv) - Weibliche Braunbären (Ursus arctos) paaren sich mit
vielen Partnern - als Teil einer ausgeklügelten Strategie
zum Schutz des zukünftigen Nachwuchses. Diese überraschende
Erkenntnis ist das Ergebnis eines umfangreichen Projekts des Wissenschaftsfonds
FWF, für das Bärenpopulationen in Skandinavien intensiv
in freier Wildbahn beobachtet wurden.
Jedes Individuum möchte "seine" Erbinformation
in die nächste Generation hinüberretten und wählt
oftmals dramatische Wege, um sich Vorteile zu verschaffen. So
schrecken männliche Braunbären selbst vor dem Töten
der Nachkommen anderer Väter nicht zurück. Ein Team
der Universität für Bodenkultur Wien, hat nun eine raffinierte
Gegenstrategie der weiblichen Braunbären entdeckt: zahlreiche
Kopulationen mit möglichst vielen Partnern.

© Andreas Zedrosser
Eine kurzfristig betäubte Familie junger
Braunbären mit drei Jährlingen. Zum Verhindern
der Auskühlung während der kurzen Betäubungsphase
wurden die vier Bären nahe zusammen gelegt.
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Schutz durch Promiskuität
Während der Paarungszeit von Mai bis Juli haben männliche
Braunbären vor allem ein Ziel: möglichst viele Weibchen
zu befruchten. Ein "Hindernis" dabei sind jene Weibchen,
die auf Grund bereits vorhandener Jungen noch nicht wieder paarungsbereit
sind. Männliche Braunbären haben dagegen ein einfaches
wie radikales Mittel entwickelt. Die Nachkommen, so sie denn von
einem anderen männlichen Bären abstammen, werden kurzerhand
getötet, damit die Mutter wieder empfängnisbereit wird.
Aus dieser instinktiven Vorgehensweise ergeben sich für
den individuellen Braunbären gleich zwei Vorteile: Zum einen
werden jene Jungbären eliminiert, die Gene eines anderen
Vaters weitervererben würden; zum anderen kann das nun empfängnisbereite
Weibchen mit den eigenen Erbanlagen befruchtet werden.
Für das weibliche Muttertier hat die Tötung des eigenen
Wurfes einen bedeutenden Nachteil: Eine Generation mit ihren Erbanlagen
geht verloren. Das Team der Universität für Bodenkultur
konnte nun analysieren, dass in jenen Bärenpopulationen,
wo diese Tötungen des Nachwuchses gehäuft auftraten,
die Bärenweibchen eine Gegenstrategie entwickelt haben.
Alle Bären glauben, sie seien der Vater
Projektleiter Andreas Zedrosser erklärt: "Normalerweise
paart sich ein Braunbärenweibchen nur mit einem Männchen.
Das führt aber auch dazu, dass zahlreiche andere Männchen
der Bärenpopulation den folgenden Nachwuchs nicht als eigenen
ansehen und eventuell umbringen. Anders ist es, wenn die Braunbärin
mit vielen Männchen kopuliert - dann glauben später
alle, sie seien der Vater, und lassen den Wurf in Ruhe. Tatsächlich
haben 54 Prozent der während des Projekts beobachteten Bärenmütter
diese Strategie angewendet."
Weibchen können Befruchtung kontrollieren
Paart sich das Weibchen mit mehreren Männchen, ist keineswegs
immer der erste Partner der biologische Vater. Vielmehr legt die
Studie den Schluss nahe, dass Bärenweibchen die Möglichkeit
haben, ihren Eisprung zu kontrollieren, und sich erst nach der
Befruchtung für die Spermien eines bestimmten Partners entscheiden.
Obwohl noch nicht geklärt ist, wie dies möglich ist,
zeigen die Daten, dass bei der Wahl des Vaters insbesondere zwei
Kriterien eine wichtige Rolle spielen: die Körpergröße
und der Grad an Mischerbigkeit - also die Vielfalt der Erbinformation.
Letztere erlaubt eine größere genetische Vielfalt innerhalb
des Wurfes und damit bessere Überlebenschancen für die
gesamte Population.
Diese überraschenden Erkenntnisse wurden möglich durch
umfangreiche Beobachtung von europäischen Braunbären
in Skandinavien. Um das Verhalten der Bären zu studieren,
wurden zwischen den Jahren 1984 und 2003 erwachsene Braunbären
sowie Weibchen mit ihren Jungen eingefangen und mit Radiotransmittern
ausgestattet. Die Daten leisten einen wichtigen Beitrag zum bisher
kaum erforschten Paarungsverhalten von europäischen Braunbären,
die auch in Österreich zunehmend wieder heimisch werden.
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