Wanderung der Meeresschildkröten aus dem All verfolgt
Mithilfe modernster Satelliten-Technik sollen
die Lederschildkröten vor dem Aussterben bewahrt werden.
(vv) - An der Atlantikküste von Französisch-Guayana
schickt Europa seine Weltraummissionen ins All doch gleichzeitig
ist sie auch der Ausgangspunkt für eine ganz andere, kaum
weniger bemerkenswerte Reise: die Wanderung der vom Aussterben
bedrohten Lederschildkröten.
Dieses faszinierende Phänomen erforschen Wissenschaftler
jetzt näher. Mithilfe von Funk-Positionsmeldern verfolgen
sie die lange Reise einzelner Schildkröten und vergleichen
den Verlauf anschließend mit Daten zu den dabei herrschenden
Seebedingungen. Dabei stützen sie sich unter anderem auf
Meeresströmungskarten, die beinahe in Echtzeit aus Daten
der ESA-Satelliten ERS-2 und Envisat gewonnen werden.
Das Ziel dabei: Die Wissenschaftler suchen nach Zusammenhängen
zwischen den oft sonderbar verschlungenen Wegen der Schildkröten
und den vorliegenden Seebedingungen vor Ort. Werden sie fündig,
könnte das gute Nachrichten für die Schildkröten
bedeuten. Denn ihr Überleben ist durch die Tiefseefischerei
massiv gefährdet. Mit entsprechenden Erkenntnissen könnte
man jedoch neue Strategien entwickeln, um die Gefährdung
für die Meeresreptilien zu minimieren.

© Jean-Yves Georges/CEPE,
Strasbourg
Eine Lederschildkröte verläßt
den Strand von Awala-Yalimapo in Französisch-Guayana.
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Lederschildkröten tauchen mehr als 1.200
Meter tief
Im Atlantik gibt es nur noch zwei große Brutstätten
für die imposanten Tiere, die gute zwei Meter lang werden
und 365 Kilogramm auf die Waage bringen können die
Strände von Französisch-Guayana und dem benachbarten
Surinam. Etwa neun Wochen, nachdem die Schildkröten dort
ihre Eier abgelegt haben, schlüpft der Nachwuchs und krabbelt
in Scharen zurück ins Meer. Dort wächst er zur Geschlechtsreife
heran, bis er eines Tages an dieselben Strände zurückkehrt,
um dort seine eigenen Eier dem Sand anzuvertrauen.
Dass es dazu kommt, ist jedoch leider keineswegs sicher. Auf
hoher See tauchen die Schildkröten bei der Nahrungssuche
zwar bis zu 1.230 Meter tief, die meiste Zeit jedoch halten sie
sich in Tiefen bis maximal 250 Meter auf. Dort allerdings warten
auch die Haken der Langleinenfischer auf Beute.So gehen den Fischern
immer wieder ungewollt Lederschildkröten an den Haken. Im
Pazifik und im Indischen Ozean hat dies dazu geführt, dass
die 100 Millionen Jahre alte Spezies akut vom Aussterben bedroht
ist. Etwas besser sieht die Situation derzeit noch im Atlantik
aus, unter anderem weil US-Fischern der Einsatz von Langleinen
im Nordatlantik verboten ist. Doch trotz alledem geht die Schildkrötenpopulation
auch dort rapide zurück.

© NOAA/Northeast Distant
Fishery Experiment
Eine Lederschildkröte wird für
die Wissenschaft gefangen.
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Wanderung in engen Korridoren?
Der Zwischenstand der bisherigen Arbeit der Wissenschaftler wurde
vor kurzem in der Fachzeitschrift Nature veröffentlicht.
Ausgangspunkt der Forscher war die Beobachtung, dass sich die
Wanderung der pazifischen Lederschildkröten auf relativ enge
Korridore beschränkt. Wenn dies bei ihren atlantischen Artverwandten
ebenfalls der Fall wäre, könnte man die Fischerei in
diesen Zonen entsprechend einschränken so zumindest
die Hoffnung der Wissenschaftler.
Seit 1999 verfolgten sie daher zunächst den Weg einzelner
Schildkröten Mithilfe von Funkpeilsendern, deren Position
auf der ganzen Welt auf 150 Meter genau festgestellt werden kann.
Im zweiten Schritt wurden die Reisestrecken der Schildkröten
dann über Karten mit Meeresspiegelanomalien gelegt, die aus
Radar-Höhenmessungen von Satelliten der ESA und der NASA
erstellt wurden.
Weg der Schildkröten mit Meeresströmungen
vergleichen
ERS-2 und sein Nachfolger Envisat gehören zu den wenigen
Satelliten, die mit einem Höhenmesser-Radar (Radar-Altimeter
oder abgekürzt RA) ausgerüstet sind. Dieses überzieht
die Meeresoberfläche jede Sekunde mit Tausenden von Radarimpulsen
und kann dadurch die Höhe des Meeresspiegels äußerst
präzise messen. Ergeben sich dabei Höhenanomalien, kann
dies ein Indiz für Strömungen oder Wasserwirbel sein
denn warme Strömungen liegen teilweise bis zu einen
Meter höher als kältere Wasserschichten.
Die Höhenmessungsdaten helfen uns bei unserer Arbeit
sehr weiter, denn auf diese Weise können wir den Weg der
Schildkröten mit den Meeresströmungen vergleichen,
erklärt Philippe Gaspar, einer der Autoren des Nature-Artikels.
Dabei hat sich gezeigt, dass im Verlauf ihrer Wanderung
ganz unterschiedliche Zusammenhänge zu beobachten sind.
Anders als ihre Verwandten im Pazifik halten sich die atlantischen
Lederschildkröten nicht an enge Wanderkorridore, sondern
wandern ziemlich verstreut umher. Am Anfang ihrer Reise schwimmen
sie lange, fast gerade Strecken nach Norden oder in Richtung Äquator.
Wenn sie dabei auf irgendwelche Ströme stoßen, kreuzen
sie sie einfach. Ein Exemplar hat erst 500 Kilometer vor Westafrika
halt gemacht, ein anderes kam bis kurz vor Neuschottland. Wenn
sie es dann bis zum Golfstrom oder zum Äquatorgürtel
geschafft haben, werden sie in der Regel langsamer und folgen
den Frontalzonen der dortigen Strömungssysteme, die meist
sehr fischreich sind.
Fischereistopp im Atlantik keine Lösung
Doch gerade der Fischreichtum dieser Frontalzonen wird den Schildkröten
zum Verhängnis denn natürlich zieht er auch die
Fischfangflotten an. So schwimmen die Reptilien praktisch geradewegs
ins Verderben. Ein regional beschränkter Fischereistopp im
Atlantik dürfte daher nach dem aktuellen Erkenntnisstand
nur begrenzt Erfolg haben, was den Beifang unter den
Schildkröten angeht. Die Suche nach Alternativlösungen
ist also im vollen Gange. Ein erstes Ergebnis: Schildkrötensichere
Ausrüstungen und Haken, die das bisherige Arbeitsgerät
der Fischer ersetzen könnten eine von der NOAA entwickelte
Lösung, die auch schon die Unterstützung des World Wildlife
Fund gefunden hat.
Dennoch verfolgen die Wissenschaftler die Wanderung der Lederschildkröten
weiter. Momentan versuchen sie, die Schwimmgeschwindigkeit der
Schildkröten abzuschätzen. Dazu ermitteln sie über
die Peilsender ihre Geschwindigkeit über Grund und verrechnen
diese dann mit der Strömungsgeschwindigkeit, die sie aus
den Radar-Höhenmessungen erhalten. So wollen sie erfahren,
wie viel Energie die Schildkröten bei ihrer Wanderung aufwenden.
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