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- 07.08.2004 -

 

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Wanderung der Meeresschildkröten aus dem All verfolgt

Mithilfe modernster Satelliten-Technik sollen die Lederschildkröten vor dem Aussterben bewahrt werden.

(vv) - An der Atlantikküste von Französisch-Guayana schickt Europa seine Weltraummissionen ins All – doch gleichzeitig ist sie auch der Ausgangspunkt für eine ganz andere, kaum weniger bemerkenswerte Reise: die Wanderung der vom Aussterben bedrohten Lederschildkröten.

Dieses faszinierende Phänomen erforschen Wissenschaftler jetzt näher. Mithilfe von Funk-Positionsmeldern verfolgen sie die lange Reise einzelner Schildkröten und vergleichen den Verlauf anschließend mit Daten zu den dabei herrschenden Seebedingungen. Dabei stützen sie sich unter anderem auf Meeresströmungskarten, die beinahe in Echtzeit aus Daten der ESA-Satelliten ERS-2 und Envisat gewonnen werden.

Das Ziel dabei: Die Wissenschaftler suchen nach Zusammenhängen zwischen den oft sonderbar verschlungenen Wegen der Schildkröten und den vorliegenden Seebedingungen vor Ort. Werden sie fündig, könnte das gute Nachrichten für die Schildkröten bedeuten. Denn ihr Überleben ist durch die Tiefseefischerei massiv gefährdet. Mit entsprechenden Erkenntnissen könnte man jedoch neue Strategien entwickeln, um die Gefährdung für die Meeresreptilien zu minimieren.

 


© Jean-Yves Georges/CEPE, Strasbourg

Eine Lederschildkröte verläßt den Strand von Awala-Yalimapo in Französisch-Guayana.

 

Lederschildkröten tauchen mehr als 1.200 Meter tief

Im Atlantik gibt es nur noch zwei große Brutstätten für die imposanten Tiere, die gute zwei Meter lang werden und 365 Kilogramm auf die Waage bringen können – die Strände von Französisch-Guayana und dem benachbarten Surinam. Etwa neun Wochen, nachdem die Schildkröten dort ihre Eier abgelegt haben, schlüpft der Nachwuchs und krabbelt in Scharen zurück ins Meer. Dort wächst er zur Geschlechtsreife heran, bis er eines Tages an dieselben Strände zurückkehrt, um dort seine eigenen Eier dem Sand anzuvertrauen.

Dass es dazu kommt, ist jedoch leider keineswegs sicher. Auf hoher See tauchen die Schildkröten bei der Nahrungssuche zwar bis zu 1.230 Meter tief, die meiste Zeit jedoch halten sie sich in Tiefen bis maximal 250 Meter auf. Dort allerdings warten auch die Haken der Langleinenfischer auf Beute.So gehen den Fischern immer wieder ungewollt Lederschildkröten an den Haken. Im Pazifik und im Indischen Ozean hat dies dazu geführt, dass die 100 Millionen Jahre alte Spezies akut vom Aussterben bedroht ist. Etwas besser sieht die Situation derzeit noch im Atlantik aus, unter anderem weil US-Fischern der Einsatz von Langleinen im Nordatlantik verboten ist. Doch trotz alledem geht die Schildkrötenpopulation auch dort rapide zurück.

 


© NOAA/Northeast Distant Fishery Experiment

Eine Lederschildkröte wird für die Wissenschaft gefangen.

 

Wanderung in engen Korridoren?

Der Zwischenstand der bisherigen Arbeit der Wissenschaftler wurde vor kurzem in der Fachzeitschrift Nature veröffentlicht. Ausgangspunkt der Forscher war die Beobachtung, dass sich die Wanderung der pazifischen Lederschildkröten auf relativ enge Korridore beschränkt. Wenn dies bei ihren atlantischen Artverwandten ebenfalls der Fall wäre, könnte man die Fischerei in diesen Zonen entsprechend einschränken – so zumindest die Hoffnung der Wissenschaftler.

Seit 1999 verfolgten sie daher zunächst den Weg einzelner Schildkröten Mithilfe von Funkpeilsendern, deren Position auf der ganzen Welt auf 150 Meter genau festgestellt werden kann. Im zweiten Schritt wurden die Reisestrecken der Schildkröten dann über Karten mit Meeresspiegelanomalien gelegt, die aus Radar-Höhenmessungen von Satelliten der ESA und der NASA erstellt wurden.

Weg der Schildkröten mit Meeresströmungen vergleichen

ERS-2 und sein Nachfolger Envisat gehören zu den wenigen Satelliten, die mit einem Höhenmesser-Radar (Radar-Altimeter oder abgekürzt RA) ausgerüstet sind. Dieses überzieht die Meeresoberfläche jede Sekunde mit Tausenden von Radarimpulsen und kann dadurch die Höhe des Meeresspiegels äußerst präzise messen. Ergeben sich dabei Höhenanomalien, kann dies ein Indiz für Strömungen oder Wasserwirbel sein – denn warme Strömungen liegen teilweise bis zu einen Meter höher als kältere Wasserschichten.

„Die Höhenmessungsdaten helfen uns bei unserer Arbeit sehr weiter, denn auf diese Weise können wir den Weg der Schildkröten mit den Meeresströmungen vergleichen”, erklärt Philippe Gaspar, einer der Autoren des Nature-Artikels. „Dabei hat sich gezeigt, dass im Verlauf ihrer Wanderung ganz unterschiedliche Zusammenhänge zu beobachten sind.“ „Anders als ihre Verwandten im Pazifik halten sich die atlantischen Lederschildkröten nicht an enge Wanderkorridore, sondern wandern ziemlich verstreut umher. Am Anfang ihrer Reise schwimmen sie lange, fast gerade Strecken nach Norden oder in Richtung Äquator. Wenn sie dabei auf irgendwelche Ströme stoßen, kreuzen sie sie einfach. Ein Exemplar hat erst 500 Kilometer vor Westafrika halt gemacht, ein anderes kam bis kurz vor Neuschottland. Wenn sie es dann bis zum Golfstrom oder zum Äquatorgürtel geschafft haben, werden sie in der Regel langsamer und folgen den Frontalzonen der dortigen Strömungssysteme, die meist sehr fischreich sind.“

Fischereistopp im Atlantik keine Lösung

Doch gerade der Fischreichtum dieser Frontalzonen wird den Schildkröten zum Verhängnis – denn natürlich zieht er auch die Fischfangflotten an. So schwimmen die Reptilien praktisch geradewegs ins Verderben. Ein regional beschränkter Fischereistopp im Atlantik dürfte daher nach dem aktuellen Erkenntnisstand nur begrenzt Erfolg haben, was den „Beifang“ unter den Schildkröten angeht. Die Suche nach Alternativlösungen ist also im vollen Gange. Ein erstes Ergebnis: “Schildkrötensichere” Ausrüstungen und Haken, die das bisherige Arbeitsgerät der Fischer ersetzen könnten – eine von der NOAA entwickelte Lösung, die auch schon die Unterstützung des World Wildlife Fund gefunden hat.

Dennoch verfolgen die Wissenschaftler die Wanderung der Lederschildkröten weiter. Momentan versuchen sie, die Schwimmgeschwindigkeit der Schildkröten abzuschätzen. Dazu ermitteln sie über die Peilsender ihre Geschwindigkeit über Grund und verrechnen diese dann mit der Strömungsgeschwindigkeit, die sie aus den Radar-Höhenmessungen erhalten. So wollen sie erfahren, wie viel Energie die Schildkröten bei ihrer Wanderung aufwenden.

 

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 Mehr Informationen:

Lederschildkröte

Meeresschildkröten

mare: Schwerpunkt Schildkröten

Umweltstiftung WWF: Meeresschildkröten

 

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