Fliegende Kobolde der Nacht
Der NABU Hessen stellt im Rahmen einer Sympathiekampagne
für Artenvielfalt die größte mitteleuropäische
Fledermaus, das Große Mausohr vor.
(vv) - Das Große Mausohr (Myotis myotis) ist die größte
mitteleuropäische Fledermaus. Es hat die Spannweite einer
Amsel. Was den Großen Mausohren in Südeuropa die warmen
Höhlen bieten, das finden sie in Mitteleuropa auf geräumigen
Dachböden. Ist ein Dachboden warm und zugluftfrei, ist er
für die Jungenaufzucht hervorragend geeignet. Von April bis
September versammeln sich, wie bei anderen Fledermäusen auch,
vor allem die Weibchen in Kolonien, um im Sommer gemeinsam ihre
Jungtiere großzuziehen. Mehr als ein Jungtier bekommt eine
Mausohr-Mutter nicht.
Die Wochenstube als Lebensversicherung
Die Weibchen einer Kolonie bilden auf Dachböden Wochenstuben.
Mehrere hundert Mütter können sich hier zusammenfinden.
Dies ist eine Art Lebensversicherung, denn nach dem Motto gemeinsam
geht`s besser wärmen sich die Mütter mit ihren
Jungtieren an kalten Tagen gegenseitig, indem sie dicht zusammenrücken,
erläutert die Biologin Sibylle Winkel vom NABU Hessen. Wird
jedoch ein Dachboden während des Sommers versperrt, verlieren
gleich viele Tiere ein Zuhause. Dabei sind Mausohren sehr traditionsbewusst.
Hat sich ein Quartier bewährt, kehren sie alljährlich
wieder an diesen Ort zurück.

© NABU/E. Menz
Großes Mausohr (Myotis myotis)
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Gefährliche Geburt in schwindelnder Höhe
Die Wochenstuben bilden sich jedes Jahr im späten Frühjahr.
In dieser Gemeinschaft geflügelter Wöchnerinnen
geht es sehr lebhaft zu. Einige Tiere putzen sich, andere schlafen
oder jagen. Die Jungtiere werden mit jedem Tag mobiler und klettern
in schwindelnder Höhe im Dachboden umher, bevor sie mit kaum
fünf Wochen ihren ersten Ausflug wagen.
Die Geburt findet Anfang Juni statt - für die Mütter
ein echter Trapezakt. Kurz vorher suchen sie einen etwas von der
Kolonie abgelegen Ort auf und hängen sich hier mit ihren
Daumenkrallen fest. Die Neugeborenen gleiten sanft in die Schwanzflughaut,
nur durch die Nabelschnur gesichert. Die Säuglinge
kommen nackt und blind zur Welt. Sofort krabbeln die Jungen am
Bauchfell der Mutter nach oben, um zu den Milchzitzen zu gelangen.
Gehen die Alttiere auf Jagd, bleiben die Jungen unter Aufsicht
anderer Weibchen zurück. Sie rücken nahe zusammen, um
sich gegenseitig zu wärmen. Kommen die Mütter zum Säugen
zurück, werden die Jungen an den individuellen Stimmlauten
und dem Geruch erkannt.
Forstgehilfen und Düngerproduzenten
Die Jagdgebiete des Großen Mausohrs sind vorzugsweise alte
Laub- und Laubmischwälder. Hier suchen die Tiere nach großen
Laufkäfern, die durch eine kurze Landung am Boden ergriffen
und sofort verspeist werden. Auch Mist- oder Maikäfer, Schmetterlingsraupen,
Grillen und Schnaken werden gefressen.
Schon im 19. Jahrhundert erkannten Forstleute die Bedeutung der
Mausohren im biologischen Gleichgewicht. Rund 40 Eichenwickler
oder auch Maikäfer kann ein Mausohr pro Nacht verspeisen
- bei einer Kolonie kommt da in einer Nacht einiges zusammen.
Um geeignete Jagdreviere zu finden, legen die Insektenjäger
Entfernungen bis zu 20 km zurück. Dabei orientieren sie sich
neben einem hervorragenden Ortsgedächtnis vor allem durch
Ultraschallrufe. Über das reflektierte Echo verschaffen sich
die Tiere ein akustisches Bild ihrer Umgebung, erläutert
Winkel.
Wo viel gefressen wird, entstehen auch jede Menge Hinterlassenschaften.
Eine Kolonie mit mehreren Hundert Tieren kann eine stattliche
Menge sehr begehrten Düngers produzieren: Fledermauskot.
Dieser umweltfreundlich hergestellte Fledermausguano
war früher und ist auch heute noch begehrt und gilt als absoluter
Geheimtipp unter Gartenfreunden. Man kann im Frühjahr - bevor
die Tiere kommen - unter dem Hangplatz eine große Folie
auslegen. Im Herbst wird dann der wertvolle Guano geerntet, empfiehlt
Winkel.
Hungerkünstler mit Energiespartaste
Im Sommerhalbjahr steht Fressen ganz oben auf der Prioritätenliste.
Doch bei Dauerregen oder Kälteperioden im Frühjahr kommt
es zu Nahrungsengpässen mangels Fluginsekten. Um in diesen
Notzeiten nicht zu verhungern, nutzen die Tiere eine Art Energiesparfunktion.
Wie auch andere Fledermausarten verfallen Mausohren in einen Energie
sparenden, Winterschlaf-ähnlichen Zustand und warten auf
besseres Wetter.
Während dieser Tagesschlaf-Lethargie im Energiesparmodus
sind die Tiere kalt, klamm und bewegen sich langsam. Schnelle
Reaktionen oder ein sofortiges Auffliegen gelingen den Tieren
nun nicht. In diesem wehrlosen Zustand benötigen Fledermäuse
einige Minuten, um bei Störungen wieder auf Vollgas
zu schalten. In schlechten Zeiten kommen Fledermäuse so mit
einem Bruchteil der Energie aus. Dies ist besonders wichtig, weil
Fledermäuse einen sehr hohen Energieverbrauch haben und in
einer guten Jagdnacht Insektennahrung bis zur Hälfte ihres
Körpergewichtes benötigen. Säugende Mütter
benötigen sogar noch deutlich mehr Nahrung.
Der Winterschlaf - Lebenslicht auf Sparflamme
Im Winter hat Energiesparen höchste Priorität. Sobald
es keine Insekten mehr zu jagen gibt, ziehen sich alle einheimischen
Fledermausarten in ihre Winterquartiere zurück. Mausohren
suchen meist unterirdische Stollen, Keller und Höhlen auf.
Vermutlich werden auch Baumhöhlen und Felsspalten genutzt.
Zwischen Winter- und Sommerquartier können Mausohren bis
zu 200 km zurücklegen.
Im Winterquartier überdauern die Fledermäuse nahrungsarme
Zeiten bei größtmöglicher Energieeinsparung. Das
angefressene Fettpolster muss bis zum Frühjahr reichen. Dies
gelingt durch drastische Verlangsamung des Stoffwechsels. Die
Herzschlagrate sinkt auf 1% des Wachzustandes ab. Die Körpertemperatur,
die beim aktiven Tier bei etwa 40°C liegt, wird zwischen 0°C
und 10°C einreguliert. Alle physiologischen Abläufe verlaufen
extrem langsam. So reicht die Energie schlafender Tiere 100 mal
länger als die voll aktiver Fledermäuse.
Risikofaktor Mensch
Manchmal werden die Nachtjäger selbst zu Gejagten. Baummarder
oder auch Waschbären erbeuten gelegentlich Fledermäuse
in Baumhöhlen. Auch eine geschickte Eule kann eine Fledermaus
beim Abflug aus ihrem Tagesquartier fangen. Das ist jedoch selten
und für die Eulen viel aufwendiger, als Mäuse zu jagen,
so die Artenschutzexpertin Sibylle Winkel.
Echte Gefährdungen entstehen meist durch den Menschen: wird
ein Wochenstuben-Quartier durch Umbau oder Abriss zerstört
oder versiegelt, kann dies zum Verlust der ganzen Population führen
und Auswirkungen auf den Bestand einer ganzen Region haben. Verluste
durch den Einsatz von Holzschutzmitteln spielen glücklicherweise
nur noch eine untergeordnete Rolle.
Auch forstliche Maßnahmen wie Nadelholzunterbau in Laubwäldern
oder die Umwandlung von Laub- in Nadelwald können zu Nahrungsengpässen
in den Jagdrevieren führen. Ungünstige Auswirkungen
entstehen auch durch den Einsatz von Pestiziden zur Bekämpfung
von Kalamitäten im Forst.
Ein dritter wichtiger Gefährdungsfaktor ist die Zerschneidung
von Lebensräumen durch breite und stark befahrene Verkehrswege.
Da Mausohren oft in geringer Höhe fliegen, fallen sie leicht
schnellen Fahrzeugen zum Opfer.
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