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- 26.03.2004 -

 

 

 

 

 


 

Interessenkonflikt in der Nordsee - Kies oder Schweinswale?

Umweltschützer schlagen Alarm: Vor der deutschen Nordseeküste sollen in einem der bedeutendsten Naturschutzgebiete Europas Millionen Tonnen Sand und Kies gefördert werden.

Von Thilo Resenhoeft, dpa

Hamburg (dpa) - Vor der deutschen Nordseeküste wollen zwei Unternehmen in einem der bedeutendsten Naturschutzgebiete Europas Millionen Tonnen Sand und Kies fördern. Umweltschützer schlagen Alarm: Angesichts der Schneisen, die riesige Saugbagger in den Boden reißen würden, könnte es zu katastrophalen Folgen für seltene Tiere wie den bedrohten Schweinswal, die Kegelrobbe, unzählige Bodenlebewesen und damit für die gesamte Nordsee kommen. Die Behörden müssen zwischen Naturschutz- und wirtschaftlichen Interessen abwägen.

Von dem Interessenkonflikt sind das Sylter Außenriff (5317 Quadratkilometer) und das Vogelschutzgebiet Östliche Deutsche Bucht (3142 Quadratkilometer) betroffen. Beide Regionen liegen westlich vor der Ferieninsel Sylt. Aus Sicht des Bundesamts für Naturschutz (BfN) zählen sie im europäischen Maßstab zu den besonders schützenswerten Regionen und sind aussichtsreiche Kandidaten für das Projekt «NATURA 2000» der Europäischen Union. Dieses hat zum Ziel, ein Netz von Schutzarealen über den Kontinent zu legen, um «die biologische Vielfalt in allen Bereichen» zu erhalten. Zurzeit diskutieren die Ministerien für Umwelt, Landwirtschaft, Verkehr und Wirtschaft in Berlin, welche Regionen nach Brüssel gemeldet werden.

Ob und wann Unternehmen mit dem Kiesabbau beginnen dürfen, ist zurzeit noch unklar. Die geplante Förderung von jährlich etwa drei Millionen Tonnen sei noch nicht genehmigt, sagt Klaus Söntgerath vom zuständigen Landesbergamt in Clausthal-Zellerfeld. Das Amt prüfe derzeit, ob der Abbau «die vorgesehenen Schutzgebiete und deren Erhaltungs- und Entwicklungsziele erheblich beeinflussen» würde. Wäre dies der Fall, bleibt der Kies, wo er ist. Man gehe im Amt schon jetzt davon aus, dass eingesaugte Organismen «überwiegend getötet» und Meeressäuger zeitweise gestört oder vertrieben werden können.

Umweltschützer wie die Gesellschaft zum Schutz der Meeressäuger (GSM) oder der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) warnen, dass im Falle eines Abbaus wertvoller Lebensraum für seltene Arten weit über die Förderfläche hinaus verloren gingen. Die Bagger würden eine etwa drei Meter breite und rund zwei Meter tiefe Schneise in den Boden saugen. An Bord des Schiffes wird der Kies gleich gelagert oder zuvor gesiebt. Die Reste - feiner Sand, zertrümmerte Muscheln, Seeigel sowie andere Tier- und Pflanzenreste - sollen wieder ins Meer gelangen. Dieser Niederschlag würde weite Gebiete mitsamt seiner Tier- und Pflanzenwelt bedecken.

«Die Kiesentnahme zerstört einen der artenreichsten Lebensräume der Nordsee, in denen viele seltene Meerestiere leben wie beispielsweise essbare Seeigel, Seescheiden, Moostierchen, Nesseltiere und Krebse», erklärt der Vorsitzende des gemeinnützigen Vereins Deepwave zum Schutz der Hoch- und Tiefsee, Onno Groß. Einige der betroffenen Organismengruppen stünden auf der Roten Liste der bedrohten Arten. «Der umgepflügte Meeresgrund benötigt viele Jahre, um sich wieder zu regenerieren», ergänzt der Kieler BUND-Experte Martin Marquardt. Gisbert Jäger von der regionalen Umweltorganisation «Hohe Tied» betont, der Kies wirke am Meeresboden wie eine Kläranlage für belastetes Wasser. «Wollten wir diese Reinigungswirkung mit Maschinen erzielen, müssten wir jährlich 500 Millionen Euro aufwenden.»

Eine der Firmen, die in der Nordsee Kies gewinnen möchten, ist das Hamburger Unternehmen OAM-Deme Mineralien. Geschäftsführer Klaus Bätjer räumt ein, dass es eine Restschädigung geben könne. «Absurd» sei hingegen die Annahme, dass es «erhebliche Schäden» geben werde. Bätjer weist darauf hin, dass sein Unternehmen überhaupt nur eine Fläche von zehn Quadratkilometern als «kieshöffig» ansieht.

Der bis zum Jahr 2039 vorgesehene Kiesabbau ist ein Teil der vielfältigen Belastung der Nordsee. Es gibt militärische Übungsgebiete, Ölförderplattformen, Telekommunikationskabel und Pipelines. Künftig sollen große Windräder hinzukommen. Die Naturschutzorganisationen fordern die Bundesregierung daher auf, die Ausweisung von Schutzgebieten voranzutreiben. Dies solle nicht der EU überlassen werden.

 

 Mehr Informationen:

GSM

Deepwave

vista verde: Meeressäuger

 

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