Blut im Packeis - Das Robbenschlachten in Kanada beginnt wieder
Auf dem Eis vor Kanadas Küste beginnt jetzt
erneut das Robbenschlachten: Bis zu 350.000 Tiere dürfen
Jäger in diesem Jahr erlegen.
Von Thomas Burmeister, dpa
Charlottetown (dpa) - Das Packeis im Nordosten Kanadas war am
Montag noch überall blütenweiß. Doch bald wird
es an zehntausenden Stellen blutrot und mit abgehäuteten
Kadavern junger Robben übersät sein. Im St.-Lorenz-Golf
und vor Neufundland beginnt an diesem Dienstag erneut das weltweit
größte Schlachten von Wildtieren nach der Massentötung
von Kängurus in Australien.
Hunderte Fischer ziehen mit Gewehren, Knüppeln und Bootshaken
los. Bis Mitte Mai werden sie 350 000 Sattelrobben und Klappmützen
töten. «Das ist keine Jagd», sagt Rebecca Aldworth
vom Internationalen Tierschutz-Fonds (IFAW). «Das ist ein
Massaker. Die meisten Robben, die sie umbringen, sind kaum vier
Wochen alt.»
Tierschützer beklagen vor allem das «inhumane Töten».
Tausende Robben würden entgegen Auflagen der kanadischen
Regierung bei lebendigem Leib gehäutet. «Unzählige
werden im Wasser angeschossen und nicht gefunden. Sie verenden
qualvoll», sagt Aldworth. «Die wenigen Kontrollen
können solche Grausamkeiten kaum verhindern.»
Seit Urzeiten ziehen die Meeressäuger vor dem Winter aus
der Randregion der Arktis in die etwas wärmeren Packeisgebiete
vor Neufundland und im St.-Lorenz-Golf. Dort bringen sie Ende
Februar ihre Babys zur Welt. Die Jungrobben sind eine leichte
Beute, denn sie können noch nicht oder nur an der Wasseroberfläche
schwimmen.
Aufsehen erregende Protestaktionen, an denen sich einst Stars
wie Brigitte Bardot beteiligten, hatten Einschränkungen der
Jagd bewirkt. Kanada untersagte die Tötung von «Whitecoats»,
wie die Sattelrobben genannt werden, ehe sie 12 Tage nach der
Geburt ihr weißes Fell abstreifen und der silbergraue Pelz
zum Vorschein kommt. 1987 wurde das kommerzielle Schlachten weitgehend
verboten.
Doch wenige Jahre später begann im Fischereiministerium
in Ottawa das Umdenken. Die Schlachtquoten wurden soweit erhöht,
dass in den Jahren 2003 bis 2005 insgesamt mehr als eine Millionen
Robben getötet werden dürfen - 975 000 Sattelrobben
und 30 000 der selteneren Klappmützen. Die Fischindustrie
und die Vereinigung der Robbenjäger setzten sich mit dem
Argument durch, dass die niedlichen Tierchen mit den dunklen Kulleraugen
nichts anderes seien als junge «Seewölfe des Eises».
Robben seien schuld an der Dezimierung der Fischbestände
vor Kanada, am Zusammenbruch der Kabeljaufischerei in den 90er
Jahren und dem Verlust von Arbeitsplätzen, sagt Ken Campbell,
ein Sprecher der kanadischen Fischindustrie. Dank der Robbenjagd
konnte die angeschlagene Branche 2003 zusätzlich rund 15
Millionen Dollar (12,3 Millionen Euro) durch den Export von Fellen
nach Norwegen, Dänemark und China verdienen.
Tierschützer räumen ein, dass die Lage vieler Fischer
mies ist. Schuld daran seien aber nicht die Robben sondern eine
rigorose Überfischung durch kanadische und ausländische
Trawlerflotten. «Als hier die ersten Europäer landeten,
gab es Kabeljau in Massen und rund 30 Millionen Robben»,
sagt Paul Watson von der Organisation Sea Shepherd. Heute gebe
es nach einem Rückgang wieder mehr als 5 Millionen Sattelrobben,
rechnet das Fischereiministerium vor. Der IFAW spricht von weniger
als 4 Millionen und einer Gefährdung des Bestands, wenn die
Schlachtquoten nicht verringert werden.
Im «Kampf um die Robben» wird auf beiden Seiten
mit Emotionen gearbeitet. Der IFAW, der jetzt Reporter aus mehreren
Ländern mit Hubschraubern aufs Packeis bringt, kalkuliert
das Entsetzen mit ein, dass Bilder des Abschlachtens auslösen.
Auf den PR-Videos des Robbenjägerverbandes sieht man Fischerfamilien
wie die von Wilfried Aylward. «Robben sind niedlich»,
sagt er. «Meine drei Kinder sind auch niedlich. Ich muss
Geld verdienen, damit sie etwas zu essen haben.»
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