Vogelforscher kommen auf den Spatzen - Art droht auszusterben
Obwohl als Allerweltvogel beschriebenen gibt
es Haussperlinge in vielen Metropolen bereits nicht mehr. Vogelforscher
in Niedersachsen suchen nach den Ursachen.
Von Christian Mahnken, dpa
Rotenburg (dpa) - Auf einem Tisch im Labor steht ein weißes
Mikroskop. «Schauen Sie doch einmal durch», ermuntert
Erika Vauk- Henzelt jeden Besucher. «Aber ekeln sie sich
jetzt bloß nicht», schmunzelt die Biologin. Durch
das Objektiv werden verschlungene Fliegen und Würmer sichtbar,
die halb verdaut sind. Sie stammen aus dem kleinen Magen eines
«Passer domesticus» - auch Hausspatz genannt.
Die 49 Jahre alte Wissenschaftlerin leitet in Fintel im Landkreis
Rotenburg (Niedersachsen) die Forschungsstation der Deutschen
Wildtier Stiftung. Sie will zusammen mit ihren vier Kollegen alles
über den Haussperling erforschen: Wovon er sich ernährt,
wie er lebt und vor allem, warum er überall vom Aussterben
bedroht ist. In den europäischen Metropolen London und Paris
gebe es den in der Literatur als Allerweltvogel beschriebenen
Haussperling schon überhaupt nicht mehr, berichtet Vauk-Henzelt.
Und auch im Stadtpark von Hamburg hüpfe schon seit langem
kein Spatz mehr herum.
In den vergangenen 20 Jahren habe es bei den Spatzen «dramatische
Bestandseinbrüche» gegeben, sagt der Geschäftsführer
des Naturschutzbundes (NABU) Bremen, Sönke Hofmann. «Das
ist ein ganz klares Alarmzeichen.» Als Hauptgründe
nennt der Vogelexperte das Verschwinden von Häusernischen
durch Sanierung und viele fremdländische Pflanzen in den
heimischen Gärten. «Mit Rhododendron und Kirschlorbeer
kann der Spatz nichts anfangen.»
Im ländlichen Fintel ist die Welt dagegen noch in Ordnung.
Die Spatzen, die hier leben, fühlen sich in dem kleinen Dorf
ausgesprochen wohl. «Es gibt kaum Verkehr, keinen Großstadtlärm
und vor allem noch richtige Bauernhöfe», sagt die Wissenschaftlerin.
«Und sogar Misthaufen, auf denen man sich als Dreckspatz
vorzüglich vergnügen kann.» Die Einwohner haben
für die Spatzen sogar Nistkästen aufgehängt. «Der
Haussperling braucht nun einmal die Nähe zum Menschen.»
Deshalb auch sein lateinischer Name «Passer domesticus»
- was so viel heißt wie «dem Haus zugehörig».
Das Forscherteam in Fintel hat schon allerhand über den
Haussperling herausgefunden: Dass er vier bis fünf Junge
aufzieht und sich gern in Gärten mit standorttypischen Gewächsen
aufhält. Sogar einen Computer haben die Forscher an einen
der Nistkästen angebracht. Er ist mit der Station verbunden
und zeigt per Piepton an, wann und zu welcher Zeit das Männchen
oder das Weibchen ihr Nest verlassen. 250 Ab- und Anflüge
haben die Forscher allein an einem Tag gezählt.
Auch die Mahlzeiten des Vogels kennen die Finteler Forscher
inzwischen ganz gut. Seziert werden aber nur die Mägen von
Hausspatzen, die tot am Straßenrand liegen. «Absichtlich
Spatzen töten, so etwas machen wir hier natürlich nicht»,
versichert Isabel Prieto, die ebenfalls in der Station arbeitet.
Alles kommt in eine Langzeitstudie. Sie soll aufzeigen, welche
Bedingungen der Spatz zum Überleben braucht und welche Einflüsse
ihm gefährlich werden. Auch andere Wissenschaftler interessieren
sich für die Arbeit der Spatzenforscher in Fintel. Einige
Experten kommen sogar regelmäßig aus dem Ausland. «Selbst
der englische Spatzenpapst Dennis Summersmith war schon da.»
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