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Mexiko: Bewaffnete Banden dezimieren
Meeresschildkröten
Tierschützer schlagen
Alarm: Bewaffnete Wilderer haben in Mexiko mehr als 500 vom Aussterben
bedrohte Meeresschildkröten getötet.
Von Klaus Blume, dpa
Mexiko-Stadt (dpa) - An den Pazifikstränden
von Petatlán, rund 170 Kilometer nordwestlich des Badeortes
Acapulco, bietet sich ein schauriger Anblick. Im weichen Sand
verwesen dort zu Dutzenden die Überreste getöteter Meeresschildkröten.
Meist sind es nur noch Panzer und Kopf, was Wilderer von den mächtigen
Reptilien übrig gelassen haben. Laut Presseberichten sind
an dem Küstenabschnitt in den vergangenen drei Monaten mehr
als 500 Exemplare der bis zu 1,65 Meter langen Lederschildkröte
(Dermochelys coriacea) und der kleineren Bastard-Schildkröte
(Lepidochelys olivacea) geschlachtet worden. Tierschützer
schlagen Alarm.
Nach Einschätzung der mexikanischen
Umweltbehörde Profepa sind an den Stränden des Bundesstaates
Guerrero Banden am Werk, die auch in den Drogenhandel verwickelt
und mit Kalaschnikow-Gewehren bewaffnet sind. Sie schlagen die
Schildkröten nachts mit Knüppeln und Macheten tot. Die
Behörde bat jetzt um den Schutz des mexikanischen Heeres,
da sich ihre Mitarbeiter nicht mehr an die Strände trauen
könnten. Denn die Wilderer lassen sich nicht gerne stören.
Ein mexikanischer Student, der sich einer Gruppe von Schildkrötenschützern
in Petatlán angeschlossen hatte, wurde tot aufgefunden,
seine Begleiterin ist spurlos verschwunden.
«Wir haben es hier mit
einem allgemeinen Problem dieses Landes zu tun: Die Gesetze werden
nicht durchgesetzt», klagt der mexikanische Schriftsteller
Homero Aridjis, Vorsitzender der Umweltorganisation «Grupo
de los Cien» (Gruppe der 100). Denn schon seit 1990 sind
in Mexiko die Jagd auf Schildkröten, das Sammeln ihrer Eier
sowie der Handel mit Fleisch, Häuten und Schildpatt verboten.
Doch die Wirklichkeit sieht anders aus. Das Fleisch der Meeresschildkröten
ist eine beliebte Delikatesse und wird auf Märkten verkauft,
die die Behörden nicht kontrollieren wollen. Dort werden
auch die Eier als Potenzmittel angepriesen. Und in der zentralmexikanischen
Stadt Leon, dem Zentrum der Schuhindustrie des Landes, werden
unter dem Ladentisch sogar Stiefel aus Schildkrötenleder
angeboten.
Von den sieben bekannten Meeresschildkrötenarten
kommen fünf in mexikanischen Gewässern vor. Es sei immer
wieder ein unvergesslicher Anblick wenn nachts tausende von ihnen
gleichzeitig aus dem Meer krabbelten, um am Strand ihre Eier abzulegen,
schwärmt Tierschützer Aridjis. Doch die Wilderei hat
den Beständen zugesetzt. Die größte aller Meeresschildkrötenarten,
die Lederschildkröte, gilt bereits als vom Aussterben bedroht.
Aridjis ärgert es, dass
lokale Politiker unter Hinweis auf die wirtschaftliche Not immer
wieder Verständnis für die Wilddiebe äußerten.
Lebend seien die Meeresschildkröten mehr wert als tot, sagt
der Schriftsteller und verweist auf die Chancen des Ökotourismus.
Besonders bedroht sind die Meeresreptilien
wieder in der aufkommenden Fastenzeit. Gläubige Katholiken
dürfen dann kein Fleisch essen, doch viele Mexikaner glauben,
dass es sich bei den Schildkröten um Fisch handele. Vor zwei
Jahren baten Mexikos Tierschützer in einem Schreiben an den
Vatikan Papst Johannes Paul II. um ein klärendes Wort an
alle Gläubigen. Bis heute warten sie vergeblich auf eine
Antwort.
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