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«Sie fürchten nichts»:
Heuschrecken fallen über Innere Mongolei her
Heerscharen von Heuschrecken
bevölkern derzeit die Innere Mongolei. In Schwärmen
fallen sie über das Grasland im Norden Chinas her.
Von Andreas Landwehr, dpa
Peking (dpa) - Eine Fläche
von der Größe Niedersachsens ist bereits weitgehend
zerstört. Und die Insekten fressen sich weiter vor. «Wir
sind sehr besorgt», sagte Direktor Bao Xiang von der Grasland-Station
in Xilinhot am Donnerstag. «Die Menschen fürchten um
die Zukunft des Graslandes. Die Lage ist sehr ernst.» Die
zerstörte Fläche braucht etwa acht Jahre, um sich von
einem Angriff der Heuschrecken wieder zu erholen.
Das berühmte Grasland von
Xilinguole etwa 400 Kilometer nördlich von Peking ernährt
nicht nur viele Hirten und ihr Vieh. Es ist auch die letzte Verteidigungslinie
gegen Sandstürme, die Chinas Hauptstadt heimsuchen. Trockenheit,
Schneekatastrophen, die Sandstürme und Heuschrecken haben
dem empfindlichen Grasland in den vergangenen vier Jahren schwer
zugesetzt. «Das Leben der Hirten wird immer schwieriger.
Die Katastrophen brauchen deren letzte Mittel auf.»
Ursachen für die Heuschreckenplagen
seien die Überweidung durch Vieh, ein unzureichender Kampf
gegen die Insekten in den Vorjahren und letztlich auch die globale
Erwärmung und die Trockenheit. Wächst das Gras hoch,
weil es viel regnet, vermehren sich Heuschrecken schlecht. Doch
bei trockenem Wetter werden es immer mehr. «20 Heuschrecken
pro Quadratmeter sind normal», sagt Bao Xiang. «Jetzt
haben wir aber 1500.» In Schwärmen gehen die Insekten
auf die Suche nach Fressen, vor allem Gras, aber auch Blätter
und Gemüse.
«Sie fürchten nichts,
auch die Menschen nicht», weiß Bao Xiang. «Wenn
ein Auto in einen Schwarm fährt und viele tötet, wird
nicht eine einzige Heuschrecke die Richtung ändern.»
Krabbelten sie in Massen über die Straßen, könnten
mit einem Fußtritt zehn getötet werden - «die
anderen gehen unbeirrt weiter.» Bei ihrem Anblick muss der
Direktor an marschierende Armeen auf einem Schlachtfeld in alten
Zeiten denken und zitiert den chinesischen Spruch «Tausend
Soldaten, zehntausend Pferde» (Qianjun Wanma), mit denen
solche militärischen Formationen beschrieben wurden. «Sie
haben einen starken Lebenswillen.»
Der Kampf gegen die Heuschrecken
sei vor allem eine Frage des Geldes, das für Insektenvernichtungsmitteln
ausgegeben wird. Von Flugzeugen wird das Grasland bespritzt. Der
Chemieinsatz kostet 30 Yuan (3,20 Euro) pro Hektar. Allein für
die jetzt betroffene Fläche wären 140 Millionen Yuan
(15 Millionen Euro) nötig gewesen. Doch wurden nur 21 Millionen
Yuan ausgegeben. «Das ist bei weitem nicht genug»,
sagt Bao Xiang. Jedes Jahr wendet sich die Innere Mongolei an
die Zentralregierung in Peking.
Vor zwei Jahren war die Heuschreckenplage
sogar noch schlimmer und hatte ganze 800 000 Quadratkilometer
befallen, eine Fläche größer als Bayern. Dass
sich die Lage heute wieder zuspitzt, liegt auch daran, dass damals
nicht genug getan worden ist und die Eier der Heuschrecken im
Boden bis zu acht Jahre überleben können.
Sprühten damals 14 Flugzeuge
Pestizide, seien es im Vorjahr nur noch 12 und in diesem nur 8
gewesen, schildert Bao Xiang. Sollten die Finanzmittel weiter
so knapp bleiben, so fürchtet der Experte, dass die Heuschrecken
schätzungsweise 670 000 Quadratkilometer Grasland auffressen
werden - eine Fläche, die fast doppelt so groß ist
wie die Niederlande.
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