|
Genetiker: Dramatische Verluste durch
Walfang
Vor Beginn des kommerziellen
Walfangs schwammen sehr viel mehr Bartenwale im Nordatlantik als
bislang angenommen.
(jkm) - Das schließen zwei
amerikanische Biologen aus der genetischen Vielfalt innerhalb
dreier Walarten. Bis zur Wiederaufnahme der Jagd auf die Meeressäuger
müsse daher noch viele Jahrzehnte gewartet werden. Die im
Magazin "Science" präsentierten Schlussfolgerungen
sind allerdings nicht unumstritten.
"Es ist wohl bekannt, dass
die Jagd die Populationen dramatisch reduziert hat - verlässliche
Schätzungen der einstigen Wal-Zahlen gibt es jedoch kaum",
schreiben Joe Roman und Stephen Palumbi von der Harvard University
in Cambridge, Massachusetts. Dies sei umso problematischer, als
gemäß den Richtlinien der Internationalen Walfang-Kommission
die Jagd wieder erlaubt werden könne, sobald die Population
in einem Gebiet auf 54 Prozent ihrer Ursprungsgröße
gewachsen sei.

©
NOAA/OAR/NURP/University
of North Carolina
Buckelwal:
Vor Beginn des kommerziellen Walfangs könnten 240.000
Tiere den Nordatlantik bevölkert haben - jetzt ist
ihre Zahl auf ein Zehntel geschrumpft.
|
Bislang basierte die Schätzung
der einstigen Populationsgrößen auf Logbüchern
von Walfängern. Roman und Palumbi stützen sich dagegen
auf Daten über die Mitochondrien-DNA der Tiere. Aufgrund
der hohen genetischen Vielfalt schätzen sie, dass es im Nordatlantik
einst etwa 240.000 Buckelwale (Megaptera novaeangliae), 360.000
Finnwale (Balaenoptera physalus) und 265.000 Zwergwale (Balaenoptera
acutorostrata) gab. Diese Werte liegen bis zu zwanzigmal höher
als bisherige Schätzungen, die heutigen Populationsgrößen
werden mit 10.000, 56.000 bzw. 149.000 Tieren veranschlagt. Sollten
die neuen Berechnungen der Wahrheit nahe kommen, "könnten
wir den Walfang erst in 70 bis 100 Jahren wieder aufnehmen",
so Palumbi.
Die genetischen Daten sagen jedoch
nichts darüber aus, wann und wie schnell der Rückgang
erfolgt ist, betont Per Palsbøl von der University of California
in Berkeley. "Die Schätzung könnte für eine
völlig andere Zeitperiode gelten, mit anderen klimatischen
und ökologischen Bedingungen." Andere Forscher wenden
ein, die Mutationsraten könnten um ein Vielfaches unterschätzt
und die Populationsgrößen entsprechend überschätzt
worden sein. Wieder andere sind dagegen mit Roman und Palumbi
einer Meinung, dass vielmehr der menschliche Einfluss auf die
Weltmeere bislang unterschätzt worden ist.
Mitochondrien, die Kraftwerke
der Zellen, werden praktisch ausschließlich in mütterlicher
Linie vererbt. Die darin enthaltene DNA "vermischt"
sie daher nicht mit väterlichem Erbgut und Veränderungen
beruhen auf zufälligen Mutationen. Die Häufigkeit solcher
Mutationen schätzten die Forscher anhand paläontologischer
Befunde und den Unterschieden zwischen den drei Arten auf höchstens
zwei Basenpaare pro 100 Millionen Jahre. Diese niedrige Mutationsrate
in Kombination mit der Vielfalt der heutigen Mitochondrien-DNA
führte zu den hohen Schätzwerten für die einstigen
Populationsgrößen.
|