|
Galiciens größte
Umweltkatastrophe:
Ölflut schwappt in Nationalpark
Fast die ganze Küste Galiciens
ist von der Ölpest betroffen, nun schwappte die «schwarze
Flut» auch in den Nationalpark der Atlantischen Inseln.
Tierschützer befürchten, dass von der Ölpest bis
zu 50.000 Vögel betroffen sein könnten.
Von Hubert Kahl, dpa
La Coruna/Madrid (dpa) - Sogar
die Möwen scheinen verwirrt zu sein. Wie an jedem Tag folgen
sie den Fischkuttern, von deren Fängen sonst so mancher Brocken
für sie abfällt. Aber dann drehen sie enttäuscht
ab. Die Boote haben nämlich keine Fische geladen, sondern
schwarzen Ölschlamm, den die Fischer aus dem Meer geschöpft
haben. Fast die ganze Küste Galiciens ist von der Ölpest
betroffen, die der Untergang des Tankers «Prestige»
vor gut zwei Wochen ausgelöst hat. Die Region im Nordwesten
Spaniens erlebt ihre schlimmste Umweltkatastrophe aller Zeiten.
Die Ölflut macht auch nicht
halt vor den zwei Dutzend Naturschutzgebieten, die entlang der
Küste ausgewiesen sind. All die Naturreservate, Vogelschutzgebiete
und Feucht-Biotope sind gesetzlich geschützt, aber die Vorschriften
konnten das giftige Öl nicht aufhalten. Nun schwappte die
«schwarze Flut» auch in den Nationalpark der Atlantischen
Inseln und besudelte das «ökologische Schmuckstück»
Galiciens.
Der Nationalpark war erst vor
einem halben Jahr geschaffen worden, um die einzigartige Insellandschaft
mit ihren schroffen Felsen, den menschenleeren Stränden und
Dünen noch besser schützen zu können. Er ist der
einzige in Galicien und der 13. in ganz Spanien. Hier brüten
im Sommer Zehntausende von Seevögeln wie die Weißkopfmöwen
oder die Kormoran-Art der Krähenscharben. In der kalten Jahreszeit
überwintern auf den Inseln Trauerenten, Tordalken oder Papageitaucher
aus dem Norden Europas.
Das Herzstück des Nationalparks
bildet der Cies-Archipel vor der Bucht von Vigo. Vor diesen Inseln,
wegen ihrer Schönheit auch die «Inseln Gottes»
genannt, waren schon Phönizier, Karthager, Römer und
Wikinger vor Anker gegangen. Nun tragen sie den Stempel der Ölpest.
Strände und Felsklippen wurden von einem dicken Ölfilm
überzogen. Draußen im Meer treiben weitere Ölflecken,
gegen die die Fischer verzweifelt ankämpfen.
«Dass die Katastrophe sich
zu Beginn des Winters ereignet, macht alles noch schlimmer»,
meint Carles Carboneras von der Ornithologischen Gesellschaft.
«Gerade jetzt kommen viele Vögel an, um hier zu überwintern.»
Tierschützer befürchten, dass von der Ölpest bis
zu 50.000 Vögel betroffen sein könnten.
Besonders schlimm traf es die
Trottellumme. Dieser zur Familie der Alken (Papageitaucher, Krabbentaucher)
gehörende Schwimmvogel, der seine Eier auf den nackten Fels
legt, war schon vor dem Tankerunglück in Spanien akut vom
Aussterben bedroht. «Für die Trottellumme dürfte
die Ölpest der Todesstoß gewesen sein», meint
Estanislao Fernández von der Park- Verwaltung.
Meereskundler gehen davon aus,
dass es mindestens fünf Jahre dauern wird, bis die galicische
Küste sich einigermaßen von der Katastrophe erholt
hat. «Eine vollständige Regeneration wird es jedoch
nie geben», warnt Victoriano Urgorri von der Universität
in Santiago de Compostela. Mit dem Schweröl seien Stoffe
in das Meer gelangt, die dem Ökosystem fremd seien und gegen
die es nicht ankämpfen könne.
Die Öffentlichkeit interessiere
sich nur für die Vögel, die Fische und Krabben, weil
sie sichtbar seien oder zur menschlichen Nahrung gehörten.
«Für das Ökosystem ist jedoch auch wichtig, wie
die verschiedenen Arten von Algen auf die Ölpest reagieren.»
|