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Tierische Globalisierung:
Immer mehr «Einwanderer»
in den Flüssen
Immer mehr tierische «Einwanderer»:
Der Bau von Kanälen, der Schiffsverkehr und das Aussetzen
oder Ansiedeln von Fischen und Krebsen haben die Globalisierung
der Tierwelt in Deutschlands Flüssen vorangetrieben.
Von Jens Albes, dpa
Koblenz (dpa) - Als blinder Passagier
kam der Räuber aus dem Schwarzen Meer nach Deutschland. In
etlichen Flüssen frisst der Große Höckerflohkrebs
inzwischen andere Kleinlebewesen und verringert so ihren Bestand.
Erst der vor zehn Jahren eröffnete Rhein-Main-Donau- Kanal
ermöglichte seine Reise über die Europäische Wasserscheide
zwischen Donau und Rhein: Der Krebs setzt sich in Kühlwasserfiltern
der Binnenschiffe fest.
Der Bau von Kanälen, der
Schiffsverkehr und das Aussetzen oder Ansiedeln von Fischen und
Krebsen haben die Globalisierung der Tierwelt in Deutschlands
Flüssen vorangetrieben. «Der Mensch hat hier für
Multikulti gesorgt», sagt die stellvertretende Geschäftsführerin
der Internationalen Kommission zum Schutz des Rheins (IKSR) in
Koblenz, Anne Schulte-Wülwer-Leidig. Für den verstärkten
Schub in der jüngeren Vergangenheit sei vor allem der Rhein-Main-Donau-Kanal
verantwortlich, der erstmals eine direkte Verbindung zwischen
Nordsee und Schwarzem Meer bildete.
Die anpassungsfähigen «Neubürger»,
so genannte Neozoen, stammen aus Europa, Asien und Amerika. Manche
gehören inzwischen zu den häufigsten Tierarten in den
deutschen Flüssen. Seit dem 19. Jahrhundert breiteten sich
mehrere Dutzend neue wirbellose Tierarten wie Muscheln, Schnecken
und Krebse sowie gut 20 neue Fischarten aus. Allein seit der Eröffnung
des Rhein-Main-Donau-Kanals 1992 gelangten mindestens acht Kleinlebewesen-Arten
wie der Große Höckerflohkrebs und die Donauassel sowie
mehrere Fischarten wie Zobel, Weißflossengründling
und Marmorgrundel von der Donau in den Rhein.
Manche Einwanderer der jüngeren
Vergangenheit nahmen indes auch andere weite Wege. So kam der
Schlickkrebs aus dem osteuropäischen Fluss Dnjepr über
die Kanäle zwischen Weichsel, Oder, Elbe und Rhein bis Ende
der achtziger Jahre in den Westen Deutschlands. In seiner neuen
Heimat vermehrte er sich «explosionsartig», wie der
Biologe Franz Schöll von der Koblenzer Bundesanstalt für
Gewässerkunde (BfG) berichtet.
Die Körbchenmuschel aus
Ostasien wiederum gelangte von 1990 bis 1995 im Rhein von der
Mündung bis nach Basel. Heutzutage ist sie stellenweise die
häufigste Muschelart in dem Strom, der sich im 20. Jahrhundert
wegen des eingeleiteten Wassers der vielen Städte, Fabriken
und Kraftwerke an seinen Ufern um mehrere Grad erwärmt hat.
Kältere Flüsse wie die Oder hingegen behagen der Körbchenmuschel
nicht.
Andere «Neubürger»
tummeln sich schon viel länger in deutschen Gewässern.
Der Amerikanische Flusskrebs zum Beispiel wurde vor rund 120 Jahren
in deutschen Gewässern ausgesetzt, weil der einheimische
Edelkrebs auszusterben drohte. Auch der Zander schwimmt bereits
seit etwa einem Jahrhundert im Rhein. Beide Tiere sollten die
Mahlzeiten der Menschen bereichern. «Heute setzen auch oft
Leute ihre Fische aus, wenn sie ihnen im Aquarium zu groß
werden», erläutert Schulte- Wülwer-Leidig. Als
Beispiel nennt sie den Sterlet, eine kleine Störart.

©
dpa
Dr. Franz
Schöll, Gewässerökologe an der Koblenzer
Bundesanstalt für Gewässerkunde, präsentiert
eine präparierte Wollhandkrabbe. Das eigentlich in
Südostasien beheimatete Wassertier fand seinen Weg
in den Rhein über das Balastwasser von Schiffen.
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Verdrängung anderer Arten
oder Bereicherung der Tierwelt?
Nach Schölls Einschätzung
ist die Einwanderung und Einschleppung von Tieren in deutsche
Flüsse «schwierig zu bewerten». Die möglichen
Vor- und Nachteile sind in Wissenschaft und Naturschutz stark
umstritten. «Das ist ein interessantes Forschungsgebiet»,
sagt der Biologe. Wie auch immer: In «umweltverträglicher
Weise» rückgängig machen lasse sich diese Art
der Globalisierung ohnehin nicht mehr.
Die Kernfrage bei Neozoen lautet:
Verdrängung anderer Arten oder Bereicherung der Tierwelt?
Nicht nur der räuberische Große Höckerflohkrebs
drängt andere Tiere zurück. Auch beispielsweise der
Schlickkrebs schien zeitweilig der viel früher ebenfalls
eingeschleppten Dreikantmuschel im Rhein den Garaus zu machen,
weil er denselben Lebensraum wie sie beansprucht. «Ausgestorben
ist aber bisher noch keine Art im Rhein. Es stellt sich immer
wieder ein neues Gleichgewicht her», erklärt Schöll.
«Neozoen können aber
auch eine Nahrungsgrundlage für heimische Arten sein. Das
ist dann positiv zu bewerten.» Als Beispiel nennt der Biologe
die im 19. Jahrhundert in deutsche Flüsse eingeschleppte
Wandermuschel, die am Bodensee von der Tafelente und der Reiherente
gefressen wird.
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