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Russland: Bedrohte Tiger erholen sich
in der Tierklinik am Taigarand
Eine private Tierklinik im
Südosten Russlands an der Grenze zu China nimmt verletzte
Wildtiere auf, pflegt sie gesund und setzt sie wieder aus. Es
ist eine der wenigen Initiativen zum Schutz der letzten frei lebenden
Tiger in Russland.
Von Friedemann Kohler, dpa
Chabarowsk (dpa) - Nachmittags
will Ljuty immer spielen. Ruhelos läuft der achtjährige
Amurtiger mit dem goldenen Eckzahn am Zaun seines Geheges hin
und her, bis Wladimir Kruglow erscheint. Der 62- Jährige
leitet das «Zentrum für die Rehabilitation von Wildtieren»
bei Chabarowsk im Fernen Osten Russlands.
«Zeig das Näschen!»,
ruft Kruglow seinem Liebling zu, den er einst als schwer verletztes
Tigerbaby in der Taiga fand und aufpäppelte. Der «Grimmige»
streckt ganz brav die Nase durch den Maschendrahtzaun und wird
zum Lohn am Kinn gekrault.
Selbst hier in der hintersten
russischen Provinz, 6000 Kilometer östlich von Moskau, ist
die scheinbar unerschöpfliche Natur nicht mehr intakt. Die
1994 von Kruglow gegründete Tierklinik nimmt verletzte Wildtiere
auf, pflegt sie gesund und setzt sie wieder aus. Es ist eine der
wenigen Initiativen zum Schutz der letzten frei lebenden Tiger
in Russland.
In der privaten Tierklinik bekommen
auch andere Raubtiere eine Überlebenschance. In diesem Frühling
balgen sich 22 Braunbär- und Kragenbär-Babys in den
Käfigen. «Die wurden entweder verwaist im Wald gefunden
oder sollten als Haustiere gehalten werden», sagt eine Mitarbeiterin
des Zentrums. «Die Leute kommen von weit her, um die Tiere
bei uns abzugeben.»
Auf etwa 450 wird in der Tierklinik
die Zahl der frei lebenden Amurtiger geschätzt, der größten
Tigerart, die im äußersten südöstlichen Winkel
Russlands an der Grenze zu China lebt. Andere Experten vermuten
nur noch etwa 250 Tiger in den russischen Wäldern.
Nach der Öffnung der Grenze
zu China vor zehn Jahren schossen Wilderer viele Tiger ab, um
sie als angeblich potenzsteigernde Zutaten für die traditionelle
chinesische Medizin ins Nachbarland zu schmuggeln. «Die
Wilderei hat aber deutlich abgenommen, seit China den Schmuggel
toter Tiger mit der Todesstrafe belegt», meint Kruglow.
Als Hauptbedrohung sieht er nun,
dass die Forstwirtschaft immer größere Schneisen in
die dichten Wälder der Taiga schlägt und den Lebensraum
der Tiger, die riesige Jagdreviere brauchen, einschränkt.
Darum häufen sich die Zusammenstöße mit Holzfällern,
Jägern oder Bauern.
«Wir haben in den vergangenen
Jahren drei Tiger ausgewildert», erzählt Kruglow. Die
Tiere wurden in einem Gehege abseits im Wald gehalten, um so wenig
Kontakt zu Menschen wie möglich zu haben. In den Monaten
vor der Freilassung wurden sie mit lebendem Wild gefüttert,
um sich wieder an das Schlagen von Beute zu gewöhnen.
Zur Zeit warten in einem Käfig
zwei zweijährige Braunbären auf ihre Freiheit. «Sie
werden im Juni ausgesetzt», sagt Kruglow. «Dann gibt
es frische Kiefernzapfen, und sie haben genug zu fressen.»
Nur für den verspielten
Tiger «Ljuty» wird es wohl keinen Weg in die Freiheit
mehr geben. «Er hat das Jagen nie gelernt», meint
Kruglow. Weil Wilderer dem kleinen Tigerbaby den Kiefer zertrümmert
hatten, musste «Ljuty» bereits mehrere Operationen
über sich ergehen lassen.
Den Eckzahn setzte ihm vor zwei
Jahren Viktor Hoppe ein, ein deutschstämmiger Professor für
Kieferchirurgie von der Universität Chabarowsk. «Ich
habe drei Mal mit dem Stock überprüft, ob er auch wirklich
schläft», erzählt Hoppe in Chabarowsk. Aber sonst
sei «Ljuty» ein Patient wie jeder andere gewesen.
Als Star der Rehabilitations-Klinik
in der Taiga hilft der gefangene Tiger seinen Kameraden in Freiheit.
«Ljuty» zieht Besucher an, die sich über die
großen Raubkatzen informieren und für den Unterhalt
des Zentrums spenden. Immer mehr Menschen verstehen, dass die
Tiger als Stolz der Region in ihrem Fortbestand gefährdet
sind.
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