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Naturschutz: Populationen statt Arten
zählen
Das Ausmaß des globalen
Artensterbens ist sehr viel verheerender, als es Auflistungen
verloren gegangener Arten vermuten lassen. In der Vergangenheit
haben 173 Säugerarten mehr als zwei Drittel ihrer Populationen
eingebüßt - vorsichtig geschätzt.
(jkm) - Die Auslöschung von
Populationen sei ein besserer Maßstab für den Verlust
an biologischem Kapital als der Verlust von Arten, schreiben die
Biologen Gerardo Ceballos von der Universidad Autonoma de Mexico
und Paul Ehrlich von der Stanford University im Magazin "Science".
"Denn viele der Arten, die einen bedeutenden Teil ihrer Populationen
verloren haben [...], werden auf globaler Ebene nicht aussterben
und daher auch nicht in den entsprechenden Statistiken auftauchen."
Die Forscher sammelten historische
und neuere Daten über die Verbreitungsgebiete von Landsäugetieren,
die derzeit einen Rückgang erleiden. Mit 173 Arten von allen
Kontinenten außer der Antarktis umfasst die Liste etwa vier
Prozent der circa 4.650 bekannten Säugerarten. Nach der Digitalisierung
der Daten berechneten die Biologen dann die Fläche der modernen
und historischen Verbreitungsgebiete sowie den relativen Flächenverlust
seit dem 19. Jahrhundert.
Wie Ceballos und Ehrlich schreiben,
haben die untersuchten Arten im Schnitt 68 Prozent ihrer einstigen
Verbreitungsfläche verloren. Die Zahlen reichen von 3 bis
100 Prozent. Beispielsweise komme der südostasiatische Davidhirsch
oder Milu (Elaphurus davidianus) heute nur noch in Gefangenschaft
vor, während Tüpfelhyänen (Crocuta crocuta) die
menschlichen Eingriffe in ihren Lebensraum relativ gut tolerierten
und etwa 14 Prozent ihrer einstigen Fläche verloren hätten.
Die meisten Populationen sind
in dicht besiedelten oder intensiv bewirtschafteten Regionen wie
dem Osten der Vereinigten Staaten oder der argentinischen Pampa
verloren gegangen. Auch in dünn besiedelten Gebieten wie
der Sahara haben die Säuger jedoch Verluste erlitten. Schuld
sind hier die Jagd - sei es zur Ernährung oder als Sport
- und die Konkurrenz mit Vieh um die ohnehin kargen Ressourcen.
In Europa scheint die Lage zunächst
weniger klar. Vermutlich sind die meisten Säuger hier aber
so früh ausgerottet worden, dass sie in den Aufzeichnungen
aus dem 19. Jahrhundert nicht mehr auftauchen - wie beispielsweise
Wolf oder Braunbär.
Ceballos und Ehrlich schätzen,
dass sämtliche Säugerarten mindestens zwei Prozent ihrer
Populationen verloren haben - der Anteil der weltweit ausgestorbenen
Säugerarten wird auf rund 1,8 Prozent geschätzt. Die
Biologen betonen jedoch, dass der wahre Populationsverlust vermutlich
bis zu fünfmal höher liegt.
Selbst bei einer "Prestige"-Art
wie dem Tiger sei die Verbreitungsfläche nicht genau bekannt,
und trotz starker Fragmentierung würden die Lebensräume
vieler Arten in offiziellen Dokumenten immer noch als zusammenhängende
Gebiete aufgeführt.
"Zu Recht hat der Verlust
der Artenvielfalt in der Öffentlichkeit und bei Politikern
viel Beachtung gefunden ", schreiben die Forscher. "Jetzt
ist es an Umweltwissenschaftlern, auch dem Verlust an Populations-Vielfalt
zu Aufmerksamkeit zu verhelfen."
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