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- 27.03.2002 -

 

 

 

 

 


 

Holz: Nachfrage in Deutschland bedroht einzigartige russische Urwälder

Nach Meinung von Umweltschützern schlagen russische Holzfäller-Firmen einen der letzten Urwälder Europas systematisch kahl, um den steigenden Holzbedarf in Westeuropa zu decken.

Von Nick Allen, dpa

Archangelsk (dpa) - Die Technik beeindruckt und erschreckt zugleich: Alle 30 Sekunden greift eine Planierraupe eine 20 Meter hohe und 200 Jahre alte Fichte, sägt sie ab und lässt sie auf den Stapel zu den anderen krachen. «Wir machen alles platt», grinst der Russe Ramil Sainejew, dessen kleine Brigade in einer Schicht mehr als 200 Fichten aller Größen absägt.

Solche Szenen wiederholen sich täglich entlang dem Fluss Dwina im nordrussischen Gebiet Archangelsk, wo Dutzende von Holzfäller-Firmen arbeiten. Nach Meinung von Umweltschützern schlagen die Arbeiter einen der letzten Urwälder Europas systematisch kahl, um den steigenden Holzbedarf in Finnland, Deutschland und anderen westeuropäischen Ländern zu decken.

Nur wenige Menschen in Russland schert der Schaden an dem 15.000 Quadratkilometer großen Waldrevier, das eines der letzten europäischen Rückzugsgebiete des Braunbären ist. Tief wurzelt der Glaube, dass Russlands Naturschätze unerschöpflich sind und auf die schnellste Weise genutzt werden sollen.

«Ich habe nie von irgendwelchen Schutzplänen für diesen Forst gehört», meint Waldarbeiter Anatoli Spitzin, der Frau und Kind von 2500 Rubel (umgerechnet 90 Euro) monatlich ernähren muss. «Wenn jemand diese Arbeit stoppen will, dann muss er uns alle umsiedeln. Schließlich ist das unser Lebensunterhalt.»

Die Umweltschutzorganisation Greenpeace wirft westlichen Firmen vor, mit Holz aus Russland gute Geschäfte zu machen, ohne sich um die Natur zu kümmern. Deutschland bezieht nach Angaben von Greenpeace jährlich Holz und Papier für mehr als 280 Millionen Euro aus Russland.

«Wir Deutschen haben im eigenen Land ein hohes Umweltbewusstsein, und es wäre gut, das zu exportieren», meint Stephan Hüttner, ein Greenpeace-Mitarbeiter aus Berlin. Mit 15 Kollegen protestierte er im März vor der deutschen Botschaft in Moskau und vor Sägewerken in Archangelsk. Im April wird ein Gipfeltreffen der Vereinten Nationen in den Niederlanden den Erhalt der letzten Urwälder der Erde zum Thema machen.

«Es ist normal, dass der Westen Russland als Rohstoffquelle sieht. Schädlich ist, wenn er nur aus Russland schnellen Reichtum erwartet und nicht an die Zukunft denkt», sagt in Moskau der Wissenschaftler Alexej Jablokow, der unter Präsident Boris Jelzin Umweltschutzberater war.

Für den Urwald suchen die Umweltschützer nach einer praktischen Lösung, die alle Seiten zufriedenstellt. «Die Wälder können nur dann wirksam geschützt werden, wenn sie weiterhin eine Einkommensquelle sind», sagt Greenpeace-Waldexperte Oliver Salge.

Experten schlagen vor, das Waldmanagement in Russland allmählich internationalen Standards anzupassen und Zertifikate des Forest Stewardship Council (FSC) einzuführen, das weltweit als glaubwürdiger und unabhängiger Nachweis für ökologische Waldnutzung gilt.

Die Waldflächen sollten nicht unabhängig vom Alter der Bäume abgeräumt, sondern selektiv ausgedünnt werden. Die nächste Baumgeneration in 30 Jahren sei dann gesünder und von besserer Qualität, der Wald sterbe nicht aus.

Aber dafür müsste auch Russland anfangen, langfristig zu denken, meint Jablokow. Doch unter Präsident Wladimir Putin sei Umweltschutz noch weiter hinter die Wirtschaftspolitik zurückgefallen als unter Jelzin.

Eine Rettung für die Wälder erwarten die Umweltschützer vor allem vom Verbraucherbewusstsein auf den westlichen Märkten. Immer mehr Firmen fragten genauer nach, wo und wie ihr Holz geschlagen werde. Immer mehr Kunden verlangten nach FSC-zertifizierten Produkten.

Die Holzfirma HDM-Holz-Dammers GmbH, ein Familienbetrieb aus Moers am Niederrhein, hat als Pionier in Russland drei kleine Sägefirmen in Archangelsk gekauft. 75 Prozent der Produktion gehen in den Export. Die FSC-Anforderungen seien hoch, aber die Mühe trage erste Früchte, sagt der Dammers-Vertreter in Russland, Iosif Rombs. «Wir können mit den Aufträgen nicht Schritt halten.»

 Mehr Informationen:

Greenpeace: Urwald

FSC Deutschland

Conference of the Parties to the Convention on Biological Diversity (COP 6)

HDM-Holz-Dammers

vista verde: Wald

 

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