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Holz: Nachfrage in Deutschland bedroht
einzigartige russische Urwälder
Nach Meinung von Umweltschützern
schlagen russische Holzfäller-Firmen einen der letzten Urwälder
Europas systematisch kahl, um den steigenden Holzbedarf in Westeuropa
zu decken.
Von Nick Allen, dpa
Archangelsk (dpa) - Die Technik
beeindruckt und erschreckt zugleich: Alle 30 Sekunden greift eine
Planierraupe eine 20 Meter hohe und 200 Jahre alte Fichte, sägt
sie ab und lässt sie auf den Stapel zu den anderen krachen.
«Wir machen alles platt», grinst der Russe Ramil Sainejew,
dessen kleine Brigade in einer Schicht mehr als 200 Fichten aller
Größen absägt.
Solche Szenen wiederholen sich
täglich entlang dem Fluss Dwina im nordrussischen Gebiet
Archangelsk, wo Dutzende von Holzfäller-Firmen arbeiten.
Nach Meinung von Umweltschützern schlagen die Arbeiter einen
der letzten Urwälder Europas systematisch kahl, um den steigenden
Holzbedarf in Finnland, Deutschland und anderen westeuropäischen
Ländern zu decken.
Nur wenige Menschen in Russland
schert der Schaden an dem 15.000 Quadratkilometer großen
Waldrevier, das eines der letzten europäischen Rückzugsgebiete
des Braunbären ist. Tief wurzelt der Glaube, dass Russlands
Naturschätze unerschöpflich sind und auf die schnellste
Weise genutzt werden sollen.
«Ich habe nie von irgendwelchen
Schutzplänen für diesen Forst gehört», meint
Waldarbeiter Anatoli Spitzin, der Frau und Kind von 2500 Rubel
(umgerechnet 90 Euro) monatlich ernähren muss. «Wenn
jemand diese Arbeit stoppen will, dann muss er uns alle umsiedeln.
Schließlich ist das unser Lebensunterhalt.»
Die Umweltschutzorganisation
Greenpeace wirft westlichen Firmen vor, mit Holz aus Russland
gute Geschäfte zu machen, ohne sich um die Natur zu kümmern.
Deutschland bezieht nach Angaben von Greenpeace jährlich
Holz und Papier für mehr als 280 Millionen Euro aus Russland.
«Wir Deutschen haben im
eigenen Land ein hohes Umweltbewusstsein, und es wäre gut,
das zu exportieren», meint Stephan Hüttner, ein Greenpeace-Mitarbeiter
aus Berlin. Mit 15 Kollegen protestierte er im März vor der
deutschen Botschaft in Moskau und vor Sägewerken in Archangelsk.
Im April wird ein Gipfeltreffen der Vereinten Nationen in den
Niederlanden den Erhalt der letzten Urwälder der Erde zum
Thema machen.
«Es ist normal, dass der
Westen Russland als Rohstoffquelle sieht. Schädlich ist,
wenn er nur aus Russland schnellen Reichtum erwartet und nicht
an die Zukunft denkt», sagt in Moskau der Wissenschaftler
Alexej Jablokow, der unter Präsident Boris Jelzin Umweltschutzberater
war.
Für den Urwald suchen die
Umweltschützer nach einer praktischen Lösung, die alle
Seiten zufriedenstellt. «Die Wälder können nur
dann wirksam geschützt werden, wenn sie weiterhin eine Einkommensquelle
sind», sagt Greenpeace-Waldexperte Oliver Salge.
Experten schlagen vor, das Waldmanagement
in Russland allmählich internationalen Standards anzupassen
und Zertifikate des Forest Stewardship Council (FSC) einzuführen,
das weltweit als glaubwürdiger und unabhängiger Nachweis
für ökologische Waldnutzung gilt.
Die Waldflächen sollten nicht
unabhängig vom Alter der Bäume abgeräumt, sondern
selektiv ausgedünnt werden. Die nächste Baumgeneration
in 30 Jahren sei dann gesünder und von besserer Qualität,
der Wald sterbe nicht aus.
Aber dafür müsste auch
Russland anfangen, langfristig zu denken, meint Jablokow. Doch
unter Präsident Wladimir Putin sei Umweltschutz noch weiter
hinter die Wirtschaftspolitik zurückgefallen als unter Jelzin.
Eine Rettung für die Wälder
erwarten die Umweltschützer vor allem vom Verbraucherbewusstsein
auf den westlichen Märkten. Immer mehr Firmen fragten genauer
nach, wo und wie ihr Holz geschlagen werde. Immer mehr Kunden
verlangten nach FSC-zertifizierten Produkten.
Die Holzfirma HDM-Holz-Dammers
GmbH, ein Familienbetrieb aus Moers am Niederrhein, hat als Pionier
in Russland drei kleine Sägefirmen in Archangelsk gekauft.
75 Prozent der Produktion gehen in den Export. Die FSC-Anforderungen
seien hoch, aber die Mühe trage erste Früchte, sagt
der Dammers-Vertreter in Russland, Iosif Rombs. «Wir können
mit den Aufträgen nicht Schritt halten.»
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