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Sozialverhalten: Affen leben friedlich
Die Annahme, der Mensch sei
das "grausamste Tier" (Nietzsche), erhält neue
Nahrung. Entgegen der vorherrschenden Meinung verläuft das
Leben der übrigen Primaten eher friedlich.
(jkm) - Nicht Aggression und Wettbewerb,
sondern Geselligkeit und gegenseitige Hilfe entscheiden über
den Erfolg der Primaten im "Überlebenskampf". Zwei
amerikanische Anthropologen widerlegten das hartnäckige Vorurteil
vom "bösen Affen".
Die Anthropologen Robert Sussman
von der Washington- Universität in Saint Louis (MO) und Paul
Garber von der Universität von Illinois (Urbana-Champaign)
stellten auf der Jahrestagung der Amerikanischen Gesellschaft
zur Förderung der Wissenschaften (AAAS) eine neue Theorie
des Primatenverhaltens zur Diskussion. Seit Charles Darwin gilt
Aggression und Wettbewerb als treibende Kraft bei der Auslese
der angepasstesten Individuen. Die Tatsachen sprechen jedoch eine
andere Sprache.
Sussman und Garber überprüften
86 empirische Studien, in denen das Sozialverhalten tagaktiver
Affenarten beschrieben wird. Zu ihrem Erstaunen fanden sie, dass
diese Herdentiere nur etwa fünf bis zehn Prozent der Tageszeit
im sozialen Austausch miteinander verbringen. Die meisten Tätigkeiten
wie Nahrungsaufnahme oder Ortswechsel erfolgten in einer geordneten
Weise, ohne dass die Individuen unmittelbar miteinander kommunizierten.
Nur selten gerieten die Tiere
aneinander: Weniger als ein Prozent ihrer Aktivitäten konnte
als aggressiv oder feindselig beschrieben werden. Selbst bei den
als streitlustig bekannten Pavianen kam es eher zufällig
zu Auseinandersetzungen, die schnell und folgenlos beigelegt waren.
"Aggression ist wohl nur ein Nebenprodukt des Lebens in einer
Gesellschaft, nicht der entscheidende Faktor, wie wir unser Sozialleben
gestalten," deutet Sussman dieses Ergebnis.
Geselliges Verhalten wie gegenseitiges
Füttern und die Fellpflege sind dagegen zehn- bis zwanzigmal
häufiger als Wettbewerb und Streit. Für die beiden Wissenschaftler
folgt daraus ganz eindeutig, dass "die Primaten in relativ
stabilen, friedlichen Gruppen leben und die Probleme des Alltags
im Allgemeinen durch Zusammenarbeit lösen."
Um die überraschenden Ergebnisse
der Literaturstudie zu überprüfen, beobachtete Sussman
die Tagesaktivitäten einzelner Lemuren auf Madagaskar. Auch
hier zeigten sich ähnliche Werte. Erstaunt waren die Forscher
über den geringen Anteil sozialen Verhaltens am Tagesablauf
der Halbaffen. Ein Individuum hatte beispielsweise während
eines ganzen Tages keinen unmittelbaren sozialen Kontakt.
Nach Auffassung der beiden Anthropologen
scheiden Aggression und Wettbewerb als bestimmende Faktoren in
der Evolution der Primaten aus. Der Anpassungsdruck wirke vielmehr
über größere Zeiträume hinweg. Das tägliche
Verhalten zeige dagegen große Flexibilität. Wenn eine
Gruppe tatsächlich die Grenzen der vorhandenen natürlichen
Ressourcen erreicht, werden drohende Konflikte durch eine Aufspaltung
(fissioning) vermieden.
Kooperatives Verhalten und Geselligkeit
könnten dagegen Vorteile bei der Evolution bieten. Beispiele
für aufopferndes Verhalten müssen nicht als Wiedergutmachung
für vorausgehende aggressive Akte gedeutet werden.
So kümmert sich das Tamarinen-Männchen
um den jüngeren Nachwuchs seiner Mutter und erhält dadurch
die Anerkennung und Zuwendung der Gruppe. Es lernt gleichzeitig
die Kinderpflege und hat selbst größere Chancen, sich
erfolgreich fortzupflanzen.
"Alle Primaten leben in Sozialgruppen
und müssen dafür einen Teil ihrer Freiheit aufgeben,"
fasst Sussman die Ergebnisse der Studie zusammen. "Aber im
Gegensatz zur vorherrschenden Meinung überwiegt ein kooperatives,
geselliges Verhalten die Feindseligkeit."
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