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- 20.02.2002 -

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


 

Sozialverhalten: Affen leben friedlich

Die Annahme, der Mensch sei das "grausamste Tier" (Nietzsche), erhält neue Nahrung. Entgegen der vorherrschenden Meinung verläuft das Leben der übrigen Primaten eher friedlich.

(jkm) - Nicht Aggression und Wettbewerb, sondern Geselligkeit und gegenseitige Hilfe entscheiden über den Erfolg der Primaten im "Überlebenskampf". Zwei amerikanische Anthropologen widerlegten das hartnäckige Vorurteil vom "bösen Affen".

Die Anthropologen Robert Sussman von der Washington- Universität in Saint Louis (MO) und Paul Garber von der Universität von Illinois (Urbana-Champaign) stellten auf der Jahrestagung der Amerikanischen Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaften (AAAS) eine neue Theorie des Primatenverhaltens zur Diskussion. Seit Charles Darwin gilt Aggression und Wettbewerb als treibende Kraft bei der Auslese der angepasstesten Individuen. Die Tatsachen sprechen jedoch eine andere Sprache.

Sussman und Garber überprüften 86 empirische Studien, in denen das Sozialverhalten tagaktiver Affenarten beschrieben wird. Zu ihrem Erstaunen fanden sie, dass diese Herdentiere nur etwa fünf bis zehn Prozent der Tageszeit im sozialen Austausch miteinander verbringen. Die meisten Tätigkeiten wie Nahrungsaufnahme oder Ortswechsel erfolgten in einer geordneten Weise, ohne dass die Individuen unmittelbar miteinander kommunizierten.

Nur selten gerieten die Tiere aneinander: Weniger als ein Prozent ihrer Aktivitäten konnte als aggressiv oder feindselig beschrieben werden. Selbst bei den als streitlustig bekannten Pavianen kam es eher zufällig zu Auseinandersetzungen, die schnell und folgenlos beigelegt waren. "Aggression ist wohl nur ein Nebenprodukt des Lebens in einer Gesellschaft, nicht der entscheidende Faktor, wie wir unser Sozialleben gestalten," deutet Sussman dieses Ergebnis.

Geselliges Verhalten wie gegenseitiges Füttern und die Fellpflege sind dagegen zehn- bis zwanzigmal häufiger als Wettbewerb und Streit. Für die beiden Wissenschaftler folgt daraus ganz eindeutig, dass "die Primaten in relativ stabilen, friedlichen Gruppen leben und die Probleme des Alltags im Allgemeinen durch Zusammenarbeit lösen."

Um die überraschenden Ergebnisse der Literaturstudie zu überprüfen, beobachtete Sussman die Tagesaktivitäten einzelner Lemuren auf Madagaskar. Auch hier zeigten sich ähnliche Werte. Erstaunt waren die Forscher über den geringen Anteil sozialen Verhaltens am Tagesablauf der Halbaffen. Ein Individuum hatte beispielsweise während eines ganzen Tages keinen unmittelbaren sozialen Kontakt.

Nach Auffassung der beiden Anthropologen scheiden Aggression und Wettbewerb als bestimmende Faktoren in der Evolution der Primaten aus. Der Anpassungsdruck wirke vielmehr über größere Zeiträume hinweg. Das tägliche Verhalten zeige dagegen große Flexibilität. Wenn eine Gruppe tatsächlich die Grenzen der vorhandenen natürlichen Ressourcen erreicht, werden drohende Konflikte durch eine Aufspaltung (fissioning) vermieden.

Kooperatives Verhalten und Geselligkeit könnten dagegen Vorteile bei der Evolution bieten. Beispiele für aufopferndes Verhalten müssen nicht als Wiedergutmachung für vorausgehende aggressive Akte gedeutet werden.

So kümmert sich das Tamarinen-Männchen um den jüngeren Nachwuchs seiner Mutter und erhält dadurch die Anerkennung und Zuwendung der Gruppe. Es lernt gleichzeitig die Kinderpflege und hat selbst größere Chancen, sich erfolgreich fortzupflanzen.

"Alle Primaten leben in Sozialgruppen und müssen dafür einen Teil ihrer Freiheit aufgeben," fasst Sussman die Ergebnisse der Studie zusammen. "Aber im Gegensatz zur vorherrschenden Meinung überwiegt ein kooperatives, geselliges Verhalten die Feindseligkeit."


© ArtToday

Katta: Soziales Verhalten hat nur einen geringen Anteil am Tagesablauf der Lemuren.

 Mehr Informationen:

AAAS

primatis.de - das Primateninformations- system

 

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