|
Bärenklau und Robinie: Verdrängung
einheimischer Pflanzen
Imposant ragt der vier Meter
hohe Riesen-Bärenklau über manchen deutschen Gartenzaun.
Gartenbesitzer schätzen ihn wegen der vielen Insekten und
Falter, die er anzieht. Botaniker sind jedoch weniger begeistert
von dem agressiven Eindringling.
Von Karin Ridegh-Hamburg, dpa
Clenze (dpa) - Auch als Herkules-Staude
bekannt säumt der Riesen-Bärenklau dekorativ Flussufer,
Wiesen und Äcker. Doch die aus dem Kaukasus stammende Augenweide
ist aggressiv. Sie gehört zu den wenigen eingewanderten Pflanzenarten,
die von Botanikern seit längerem bekämpft werden, weil
sie einheimische Arten verdrängen und giftig sind.
Geobotaniker Heinz-Walter Kallen
aus Clenze im Landkreis Lüchow-Dannenberg beobachtet diese
Neubürger. «Naturliebhaber
pflanzen Bärenklau wegen der vielen Insekten und Falter,
die von den großen Dolden angezogen werden», sagt
Kallen. «Aber die vielen tausend Samen einer einzigen Dolde
halten sich über 100 Jahre im Boden. Deshalb ist die Pflanze
nicht wieder weg zu kriegen.»
Explosionsartig breite sie sich
in Bachtälern aus und bringe durch die Verdrängung anderer
Pflanzen die Ufer zum Einstürzen. Ihr Gift könne beim
Menschen eine Lichtallergie auslösen. «Wenn man den
Bärenklau im Sonnenlicht berührt, verursacht er Verbrennungen
auf der Haut», warnt der Botaniker.
Kallen ist Leiter der Regionalstelle
für floristische Kartierung im Landkreis Lüchow-Dannenberg
und untersucht seit fünfzehn Jahren die Veränderung
der Pflanzenwelt zwischen Lüneburg und Wittenberge in Brandenburg.
Seine Erkenntnisse sind in der Datenbank «Blütenpflanzen»
des Bundesamtes für Naturschutz nachzulesen.
Neophyten heißen die Pflanzen
im Fachjargon, die seit etwa 500 Jahren eingewandert sind. Von
den bundesweit 385 erfassten Arten wirken sich laut Kallen nur
etwa fünf Prozent vernichtend auf die heimische Flora aus.
Dazu gehören die Robinie
und die Silberblättrige Goldnessel. Wertvolle Trockenrasenarten
wie Küchenschelle und Sandstrohblume leiden unter der starken
Verbreitung der Robinie. Nur sehr wenige Stickstoff liebende Pflanzen
können in dem von der Scheinakazie vergifteten Boden existieren,
sagt Kallen. Seit 100 Jahren bevorzugten vor allem Imker diese
nordamerikanische Art, um Akazienhonig zu gewinnen.
Über den Handel war die
Einwanderung neuer Pflanzenarten im 19. Jahrhundert besonders
groß. Dreißig Prozent der jetzt vorhandenen Neophyten
kamen laut Dannen allein in dieser Zeit. «Dreizehn Prozent
wanderten später ein, und alle anderen kamen vorher.»
Die weitere Zuwanderung halte sich jetzt in Grenzen.
«Die Bedrohung der natürlichen
Pflanzenvielfalt ist kein nationales Problem», meint Hans-Helmut
Poppendiek vom Institut für Allgemeine Botanik in Hamburg.
Frachtschiffe sorgten mit ihrem Ballastwasser für die weltweite
Verschleppung von Algen und Wassertieren.
Auf dem umgekehrten Weg bedrohten
auch mitteleuropäische Pflanzen Flora und Fauna in den Tropen.
So wirke sich das nach Nord- und Südamerika transportierte
Johanniskraut zum Beispiel schädlich auf die dort weidenden
Tiere aus, weil es deren Lichtschutz verringere, sagt der Wissenschaftler.
|