Wüstenantilopen in Nordafrika: Haben sie eine Überlebenschance?
Die Antilopen in den Trockenzonen Nordafrikas
im Sahel und der Sahara zählen zu den bedrohtesten Tierarten
der Erde.
Sie ist für uns der Inbegriff der Anmut: die Antilope mit
ihrem grazilen Körperbau, ihren kraftvollen und doch anmutigen
Bewegungen und ihrem kurzen schwingenden Schwanz. Doch die Antilopen
in den Trockenzonen Nordafrikas im Sahel und der Sahara zählen
seit mehr als zwanzig Jahren zu den bedrohtesten Tierarten der
Erde. Bürgerkriege in Algerien, Äthiopien und Sudan,
Bevölkerungswachstum und zunehmende Armut in Teilen Nordafrikas
und die Auflösung Jahrtausende alter Stammes- und Sozialstrukturen
hatten verheerende Folgen für Mensch und Tier. Aber schon
vor hundert Jahren fielen ganze Populationen von Antilopen dem
Jagdtourismus zum Opfer. Noch heute veranstalten reiche Leute
aus den Golfstaaten Jagdsafaris, bei denen Antilopen aus Hubschraubern
und Jeeps mit automatischen Waffen getötet werden. Aber zumindest
in Bezug auf die Antilopen ist damit Schluß; es gibt sie
praktisch nicht mehr. Armut und der Verlust der Lebensgrundlage
drängt die Menschen in der Region zur Wilderei. Jagdtouristen
aus Europa und Amerika, Techniker, die nach Rohstoffen wie Öl
und Mineralien forschten, Soldaten, Marodeure und die mitleidende
Bevölkerung: alle bedienten sich aus dem, was die karge Natur
hergab.
Sahara: Dramatischer Verlust an Vögeln
und Säugetieren
Keine andere Region der sogenannten Paläarktik, die Europa,
den Nahen Osten, und Teile Asiens nördlich des Himalaya und
Nordafrika bis zum Beginn des Tropengürtels umschließt,
hat mehr Vögel und Säugetiere verloren als die Sahara.
Dieser dramatische Verlust verdeutlicht das ökologische Ungleichgewicht
in Nordafrika. Die Zerstörung des Lebensraumes und die von
Menschen verursachte Ausdehnung der Wüste in den letzten
Jahrzehnten haben bereits zur Ausrottung einiger Arten geführt.
Für die verbleibenden Arten in Wüstenhabitaten bedeutet
es eine unmittelbare Gefahr. Einige Antilopen- und Gazellen-Arten
sind weltweit vom Aussterben bedroht.
Monatelang ohne Wasser
Die herausragende Fähigkeit der Wüstenantilopen, selbst
in großen Herden in unbewohnbaren Trockengebieten zu überleben,
gab schon den ersten Forschern im Sahel und in der angrenzenden
Sahara ein Rätsel auf. Monatelang können sie ohne Wasser
auskommen. Pflanzen mit geringem Wassergehalt ersetzen ihnen offene
Wasserstellen. Sie legen erstaunlich weite Strecken zurück,
um karges, weit verstreutes Weideland aufzusuchen. Mit ihrem untrügerischen
Instinkt wittern sie sogar auf 200 Kilometer Entfernung Regen.
Ihre Gabe, frische Gräser in der Ferne aufspüren, gehört
zu den Wundern der Natur. Im Gegensatz zu den Nutztieren, Rindern,
Ziegen, Kamelen sorgen sie mit dem Abweiden bestimmter Pflanzen
für deren Verbreitung und verhindern die fortschreitende
Verwüstung. Somit spielen sie eine entscheidende Rolle bei
der Wahrung und nachhaltigen Nutzung des Lebensraumes. Seit jeher
waren die Menschen in dieser Region auf die Antilopen angewiesen:
ihr getrocknetes Fleisch war überall auf den Märkten
Nordafrikas zu finden. Stämmen in der südlichen Sahara
und im Sahel diente sie als Nahrungsquelle. Ohne die Antilope
ist die Kultur der indigenen Völker unvorstellbar. Aber die
Jahrtausende alte Kultur der Nomaden ist ebenso bedroht wie die
wandernden Tierarten es sind.
Antilopen- und Gazellenarten vom Aussterben
bedroht
Die Oryx-Antilope, die größte ihrer Art mit ihren
beeindruckenden säbelförmigen Hörnern, ist bereits
aus der freien Wildbahn verschwunden. Insgesamt sechs Antilopen-
und Gazellenarten dieser Großregion, größer als
Australien, sind im höchsten Maße vom Aussterben bedroht.
Die Konvention wanderender wildlebender Tierarten (CMS) will diese
Entwicklung aufhalten. Alle Arten sind auf Anhang I der Konvention
verzeichnet. Auf internationaler Ebene ermöglicht dies eine
konzertierte Aktion und strikten Schutz zum Wohle der Tiere.
Glücklicherweise lassen sich die meisten Antilopen und Gazellenarten
in großen Gehegen von Zoos und Parks halten. Dies ist in
den vergangenen Jahrzehnten geschehen, sodaß es von den
meisten der sechs praktisch ausgerotteten nordafrikanischen Arten
genügend Tiere in privaten Parks und zoologischen Gärten
hauptsächlich in Europa und den USA gibt.
Ein erster Schritt in Richtung einet Wiederansiedlung dieser Tierarten
in der Wildnis war und ist die systematische Gefangenschaftszucht.
Die nachgezüchteten Tiere wurden nach Nordafrika transportiert.
Ihre kontrollierte Auswilderung erfolgt zunächst in großen
Nationalparks und anderen Schutzgebieten. Dort sollen sich die
Tiere wieder an die Wildnis gewöhnen, sich vermehren. Apäter
sollen dann die Zäume geöffnet werden, damit die Tiere
hoffentlich ganz Nordafrika wieder besiedeln.
Aktionsplan zur Rettung der Tiere
Im Februar 1998 veranstalteten Experten aus den 14 Arealstaaten
Ägypten, Libyen, Tunesien, Algerien, Marokko, Senegal, Mauritanien,
Burkina Faso, Mali, Niger, Nigeria, Tschad, Sudan und Äthiopien
gemeinsam einen Workshop in Djerba, Tunesien. Wissenschaftliche
Institutionen und Nichtregierungs-organisationen nahmen ebenso
teil. Ergebnis war der Entwurf eines Aktionsplanes. Auf Initiative
von CMS trat noch im selben Jahr der Aktionsplan zur Rettung dieser
symbolträchtigen Tiere in Kooperation mit dem Königlich
Belgischen Institut für Naturwissenschaften (IRSNB) in Kraft.
Er sieht die Erhaltung und Wiederherstellung früherer Habitate
als Voraussetzung für eine Auswilderung und Erholung der
Bestände vor. Nur eine wirksame Öffentlichkeitsarbeit
in diesen Ländern kann den Anstoß zu den notwendigen
Gesetzesinitiativen geben. Ziel ist es, das Projekt als Teil der
sozio-ökonomischen Entwicklung in den Gemeinden vor Ort zu
verankern. Ist die fortschreitende Wüstenbildung eingedämmt,
kann langfristig der Ökotourismus die nachhaltige Nutzung
der natürlichen Ressourcen in der Region fördern.
Zahl wildlebender Antilopen geht unaufhörlich
zurück
Im April 2002 gab die französische Regierung grünes
Licht für ein internationales Global Environmental Fund-Projekt
(GEF), das vom Fonds Français de l'environnement Mondial
(FFEM), CMS und anderen Sponsoren kofinanziert wird. Trotz einiger
erfolgreicher Maßnahmen zum Schutz der Tierwelt in Senegal,
Niger, Tschad, Tunesien und Marokko in den 70er und 80er Jahren
gingen die Bestände wildlebender Antilopen unaufhörlich
zurück. Auch die Auswilderung von Tieren führte nicht
zur Erholung der Bestände.
Derzeit arbeitet CMS ein Abkommen zwischen den 14 Arealstaaten
aus: Denn erst wenn sie die Antilopen als gemeinsames kulturelles
Erbe erkennen, kann die biologische Vielfalt der Region erhalten
bleiben. Es gibt eine Chance, die Antilopen in der Steppe und
Wüste Nordafrikas vor dem Aussterben zu bewahren. Mit ihrer
einzigartigen Anpassung an Trockenheit und Dürre fällt
ihnen bei der Erhaltung der biologischen Vielfalt eine Schlüsselrolle
zu. Damit sind sie für Natur und Menschheit von unschätzbarem
Wert.
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