Bedrohte Riesen: Walhaie
Wenn sein Name fällt, bekommt fast jeder
Taucher grosse Augen. Doch Unterwasser-Begegnungen mit dem größten
Fisch der Erde, dem Walhai, sind selten geworden.
Das Fleisch der Walhaie (Rhincodon typus) ist vor allem in Asien
eine beliebte Delikatesse. Die große Nachfrage nach Walhai-Fleisch
besonders in Taiwan und Hongkong, und die Aussicht auf über
3.000 € pro erlegtem Walhai verlocken Fischer immer wieder
dazu, die Meeresgiganten zu jagen. So sind sie vielerorts bereits
ausgestorben oder akut davon bedroht und finden sich heute auf
der Roten Liste der vom Aussterben bedrohten Tierarten wieder.
Walhai: Jahrtausende lang
hatte der größte Fisch der Welt kaum Feinde.
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Rätselhafter Gigant
Die Dimensionen des friedlichen Planktonfressers erklären
seinen Namen: Mit bis zu 14 Meter Länge, einer vier Meter
hohen elegant geschwungenen Schwanzflosse, zwei Meter messenden
Brustflossen, einem riesigen etwa 1,50 Meter breiten Maul, ihrer
bis zu 10 cm dicken Haut und einem Gewicht von bis zu 15 Tonnen
lassen die Knorpelfische so manche Walart klein aussehen.
Doch der Gigant ist in vielem noch rätselhaft, obwohl er
in allen tropischen Meeren, besonders zwischen dem Äquator
und dem 30./40. Breitengrad vorkommt. Zu bestimmten Jahreszeiten
treffen sich die mit einer Höchstgeschwindigkeit von 5 km/h
gemächlich dahin gleitenden Einzelgänger, die im Gegensatz
zu anderen Haiarten beim Schwimmen ihren ganzen Körper, und
nicht nur die Schwanzflosse, mit Seitwärtsbewegungen einsetzen,
in für sie offenbar sehr reizvollen Meeresgebieten. Dazu
gehören die Gewässer vor der philippinischen Insel Pamilacan,
der Golf von Kalifornien, die Küsten Mosambiks und Belizes
und das Ningaloo Reef in Nordwestaustralien.
6.000 Liter Wasser pro Stunde durchfiltert
Nach Meinung von Wissenschaftlern geschieht dies entweder zur
Paarung oder wegen eines saisonbedingten reichhaltigen Nahrungsangebotes.
Letzteres könnte immerhin die jährlichen Walhai-Versammlungen
am Ningaloo-Riff erklären. Dort stoßen zwischen April
und Mai die Korallen Milliarden Eier und Spermien ins Wasser ab.
Offensichtlich eine Delikatesse für Walhaie, die die eiweißreiche
Kraftnahrung aus dem warmen Wasser Tag und Nacht mit ihrem bis
zu 6.000 Liter Wasser pro Stunde fassenden Maul einsaugen und
dann über sogenannte Kiemenreusen - Tausende von etwa 10
cm langen bartenähnlichen Plättchen - aus ihren jeweils
5 seitlichen Kiemenöffnungen ausseihen. Wie alle anderen
Haie besitzen auch Walhaie Zähne, etwa 3000, deren Nutzen
und Funktion allerdings unklar ist.
Die sanftmütigen Riesen gehören zu den 3 Filtrierern
unter den Haien (die beiden anderen sind der Riesenhai und der
Riesenmaulhai). Doch im Gegensatz zu den Riesenhaien sind Walhaie
aktive Filtrierer. Sie erzeugen aktiv einen Sog und filtrieren
die Nahrung, meist Plankton, aber auch Kleinkrebse, kleinere und
grössere Fische wie Sardinen, Makrelen und sogar kleine Tunfische,
anschließend wieder aus. Dabei schwimmen sie direkt an der
Oberfläche, mitunter sogar in vertikaler Position. Doch der
Eindruck, hier seien dumpfe Fressmaschinen am Werk, täuscht
gewaltig. Es wird vermutet, dass ihr Gehirn mit Hilfe spezieller
Rezeptorzellen zahlreiche Signale der Umwelt gleichzeitig verarbeitet:
mechanische, chemische, visuelle und elektrische Reize.
Noch viele Geheimnisse
Niemand weiß bis heute, auf welchen Wegen die Walhaie zu
ihren jährlichen Treffpunkten gelangen, noch wie die innere
Uhr funktioniert, die es ihnen ermöglicht, zur gleichen Zeit
am gleichen Ort einzutreffen, noch wo genau sie sich die übrige
Zeit des Jahres aufhalten. Ebenso ist unklar, ob sich bei den
regionalen Treffen tatsächlich Tiere der gleichen Art einfinden,
oder ob es sich hier um voneinander getrennte Populationen handelt.
Gleichfalls im Dunkeln liegen Informationen über ihre Lebenserwartung,
ihre Entwicklung bis zur Geschlechtsreife oder ihr Paarungsverhalten.
Ganz abgesehen davon, dass niemand weiß, wie viele dieser
Giganten es überhaupt noch gibt.
Leichte Beute für Fischer
Ausgerechnet ihre Geheimnis umwitterten Treffen werden den Meeresbummlern
zum Verhängnis. Da sie den Menschen als Feind nicht fürchten,
sich Tauchern gegenüber sogar völlig friedlich verhalten
und anfassen lassen, sind sie leichte Beute für Fischer,
die es auf ihre kostbaren Flossen und ihr heiß begehrtes
weißliches Fleisch abgesehen haben. Da hilft den großen
Fischen auch nicht ihre gute Tarnung, mit ihrer weiß-gelb
gefleckten und gestreiften Haut verschmelzen sie unter der Wasseroberfläche
schwimmend optisch mit ihrer Umgebung.
So töteten die Fischer dreier Dörfer in Indien allein
in einem Jahr etwa 1000 Walhaie, bis die Regierung im August 2001
die seltenen Tiere endlich unter strengsten Artenschutz stellte.
Fang und Tötung der sanften Riesen ist seitdem verboten und
wird bestraft. Damit folgt Indien Ländern wie den USA, Australien
und den Philippinen, die bereits vor einiger Zeit den Handel mit
Walhai-Produkten verboten hatten.

© WWF-Canon/Jürgen
Freund
Walhaie sind eine Attraktion
für Taucher und Touristen.
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Aus Fischern werden Touristenführer
Gerade die kleine vor Bohol gelegene Insel Pamilacan auf den
Philippinen war noch bis vor zwei Jahren ein Hotspot der grausamen
Walhai-Jagd. Dabei schlägt man den Tieren einen schweren
Eisenhaken in den Leib und zieht sie anschließend an Land,
wo sie bei lebendigem Leib zerlegt werden und dabei qualvoll,
oft über drei Tage lang, verenden. Um den Inselbewohnern
von Pamilacan eine alternative Einkommensquelle zu ermöglichen,
werden die Fischer dort seit 2 Jahren zu Touristenführern
ausgebildet. Statt zu jagen, fahren die Jäger nun in umgerüsteten
Fangbooten Touristen aufs Meer, wo diese, neben gelegentlichen
Walhaien, an die elf Arten Wale und Delfine beobachten können.
Walhaie verenden als Beifang in Fischernetzen
Auch andernorts hat man das große wirtschaftliche Potenzial
der friedlichen Walhai-Nutzung erkannt. Beim staatlich geschützten
Ningaloo-Riff sind die Haie eine Touristenattraktion. Rund zehn
Millionen Dollar bringen die Tauchtouren den Einheimischen jährlich
ein. Dennoch wird der Fisch weltweit weiterhin intensiv gejagt.
Die Gier nach Walhaifleisch in Taiwan oder Hongkong scheint unstillbar.
Zusätzlich verschärft wird die Situation durch Schlepp-
und Stellnetze, in denen auch Walhaie als unbeabsichtiger Beifang
verenden.
Diese Verluste lassen sich kaum ausgleichen, denn wie die meisten
Haiarten vermehren sich Walhaie extrem langsam. Erst mit 30 Jahren
werden sie geschlechtsreif, die Jungtiere schlüpfen bereits
im Mutterleib aus den Eiern, so dass die Weibchen ihren über
60 cm langen Nachwuchs scheinbar lebend gebären.
Vereinbarung zum Schutz der Walhaie notwendig
Der mysteriöse Gigant wurde bereits 1999 auf Vorschlag der
Philippinen auf Anhang II der Konvention zum Erhalt wandernder
Arten (CMS) gestellt. 2005 plant das UN-Sekretariat zur Erhaltung
wandernder Tierarten (CMS), auch bekannt unter dem Namen Bonner
Konvention, eine Tagung über Walhai-Fischerei und den internationalen
Handel mit Walhai-Fleisch mit dem Ziel eines Memorandum of Understanding
abzuhalten. Gegenwärtig ist dies die beste Lösung, eine
internationale Vereinbarung über den Schutz und - gegebenenfalls
nachhaltige Nutzung - von Exemplaren dieser Art zu schließen.
Populationen europäischer Fledermäuse, eurasisch-afrikanische
Wasservögel, Kleinwale in Nord- und Ostsee sowie im Mittelmeer
und Schwarzen Meer werden bereits durch völkerrechtliche
Verträge wirksam geschützt. Weiterhin wird die Verabschiedung
einer internationalen Vereinbarung zum Walhai diskutiert. Es sind
dies vielleicht die letzten Chancen für den größten
Fisch der Erde.
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